Tatort: Sandbank

Der Vater Rhein. Er verbindet uns alle. Was Schiffwracks, Mammutzähne, Melonen- und Tomatenpflanzen mit Weltkriegen gemeinsam haben - und was der Regen damit zu tun hat.

Der aus der Dürre resultierende niedrige Wasserstand des Rheins gewährt Einblicke in die spannende Welt der Natur und in die Menschengeschichte. Wir liefern die interessanten Hintergründe:

Wer derzeit am Rhein spazieren geht, und dabei die Augen offen hält, wird vielleicht schon über Tomatenpflanzen gestaunt haben. Diese sprießen z.B.: unterhalb der Rheinauen-Kläranlage aus dem Flussbett. Grundlage dafür ist der als Schlick bezeichnete, fruchtbare Boden, der meist unter vielen Steinen verborgen liegt. Schlick ist ein feinkörniges Sediment, das sich in sämtlichen Gewässerarten bilden kann. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Schlickwatt an der Nordsee.

Doch dieser abiotische Umweltfaktor allein ist nicht die Ursache für das Tomatenwachstum. Natürlich haben die warmen Temperaturen der vergangenen Monate ebenso das Pflanzenwachstum bestärkt. Die Samen der Pflanzen könnten aus der Rheinauen-Kläranlage selbst stammen. Tomatensamen sind sehr widerstandsfähig, und überleben daher auch die stärksten Filtrations- und Reinigungsprozesse der Kläranlage. Das aufbereitete Wasser - mit den Tomatensamen - wird in den Fluss geleitet. Generell bilden sich an Flussufern im Spätsommer häufig solche Pioniergesellschaften. Das beruht auf dem ökologischen Grundprinizp der Sukzession, bei dem neu entstandene Freiflächen von verschiedenen Pflanzengesellschaften in einem lang andauernden Prozess besetzt werden, bis die vollständige Besiedlung der Kahlfläche erreicht ist.

So viel zur Theorie. Und die Praxis? Kann man diese Tomaten essen? Ja. Bedenkenlos. Vorrausgesetzt, der Frost kommt einem nicht zuvor, versteht sich. Denn wenn der Frost kommt, gehen die Pflanzen ein. Die Tomaten sind zum Teil auch noch nicht gereift. Höchstwahrscheinlich wird der Rheinpegel einen weiteren Strich durch die Rechnung machen. Im Oktober bleibt es zwar meist trocken, spätestens im November ist jedoch zu erwarten, dass der Pegel wieder steigt. 

Ein viel ungewöhnlicheres Naturphänomen ist an der Mündung der Sieg in den Rhein zu beobachten. Dort wachsen im Schlick großer Sand- und Kiesbänke Wassermelonen. 

Ja. Richtig gelesen. Wassermelonen - deren Anbaugrenze weit südlicher, nämlich in den Subtropen liegt. Der potenziellen natürlichen Vegetation zufolge, ist mit Wassermelonen in unserer Region eigentlich nicht zu rechnen. Dass sie dennoch wachsen, verdeutlicht, dass Ökosysteme als dynamische Systeme zu betrachten sind: Ein „Flussbett im Wandel“. ? Oder eher ein „Flussbett im KlimaWandel“? Das ist eine Thematik, die mehr als nur diesen Artikel umfassen würde.

Der Ursprung der Samen dieses Kürbisgewächses (dieser Fakt bleibt in Anbetracht der anstehenden Halloweenfeierlichkeiten nicht unerwähnt) ist mehr oder weniger unklar. Zwar gibt es Vermutungen und Hypothesen darüber, sicher ist man sich dennoch nicht, woher die Melonensamen kommen.

Halloween ist das richtige Stichwort für die weiteren außergewöhnlichen Funde dieses Spätsommers. Denn nicht nur für den Schi?verkehr stellt der Wasserstand ein Problem dar: In Bad Honnef wurde nahe der Insel Grafenwerth eine Handgranate gefunden. Für den Kampfmittelräumdienst bedeutet Niedrigwasser jedoch vor Allem eins: Arbeit. Als wäre das nicht gruselig genug: Im September musste dieser in Neuwied eine freigespülte Weltkriegsbombe kontrolliert detonieren. 

Diese sollte man natürlich nicht Essen. Spaß beiseite: Wenn Sie als Spaziergänger Weltkriegsrelikte auffinden, sollte umgehend die Polizei verständigt werden. Auf keinen Fall dürfen die Funde bewegt oder gar angefasst werden. 

Ein weiterer historischer Fund war ein in Düsseldorf gefundener Mammutzahn. Paläontologen der Uni Bonn klassifizierten ihn als Überbleibsel der Eiszeit. Bei Kleve wurde das 123 Jahre alte Schiffswrack „De Hoop“, welches im Winter 1895 nach einer großen Dynamit-Explosion sank, freigespült.

Das Leben am Rhein ist also nicht nur idyllisch, sondern auch für Naturwissenschaftler und Historiker ein Paradies.

Informationen

  • Text: Malte Harzem
  • Foto: Malte Harzem
  • Datum: 07. Oktober 2018
  • Kategorie: Stadt