Cyberpunk 2077

Cyberpunk 2077 ist im Moment einer der hellsten Sterne am Zockerhimmel und hat selbst den Superstar Keanu Reeves wie Honig den Bären angezogen, im Spiel eine tragende Rolle zu spielen. Doch wie kann ein einzelnes Spiel eine globale aber auch durchaus diverse Gemeinschaft wie die Gamingwelt nur vereinen? Warum ist Cyberpunk 2077 das meist erwarteste Spiel der letzten Jahre?

Was in aller Welt ist dieses ...Zaibapank?

Als Bladerunner 1982 anlief, sahen Videospieler einen riesigen Turm aus der Fassade der düsteren Stadt Los Angeles hervorragen: Es war ein Wolkenkratzer des damaligen Videospielgiganten Atari und Videospieler fühlten sich in ihren Ansichten bestätigt. Der Film sah voraus, dass Videospiele sich wie ein Lauffeuer zu einer milliardenschweren Industrie entwickeln sollten. Diesen ikonischen Moment übernahm der Nachfolger von Bladerunner, der einfach nur eine Jahreszahl an den Namen schlägt, nämlich 2049.  Bladerunner hatte damals alle umgehauen und das Cyberpunk-Genre gegründet. Dunkel war die Zukunft und beherrscht von Megakonzernen, die in Bezug zur ohnmächtigen Politik zum geltenden Gesetz wurden. Aus Japan kommen aber zwei weitere große Namen des Genres: Akira und Ghost in the Shell. Einer der Gründe warum Cyberpunk oft auch starke japanische Elemente enthält. Vor allem Akira ist meines Erachtens nicht nur einer der besten animierten, sondern einer der besten Filme aller Zeiten und ich könnte stundenlang über den Mangaeinfluss ins Cyberpunk-Genre reden, doch das sprenge hier den Rahmen.

Cyberpunk 2077 will nun ein neuer Meilenstein sein, der auf diesen beiden titanischen Schultern fußt. Das polnische Entwicklerstudio CD Projekt Red steht für riesige Welten aus Schönheit und Schrecken belebt von komplexen Figuren mit Vergangenheit, Familie und Wünschen und hat sich angenommen das Pen&Paper-Rollenspiel Cyberpunk 2020 vom Brett auf den Monitor zu hieven. Ihre preisgekrönte The Witcher-Reihe, deren zweiter  Ableger der polnische Ministerpräsident Donald Tusk selbst Barack Obama schenkte, hat der Welt gezeigt, dass die Polen sich zum grandiosen Softwareentwickler gemausert haben. Da aber das originale 2020 recht nah ist, setzen sie das Videospiel ins Jahr 2077, wo in Kalifornien die unheimliche Stadt Night City entstanden ist, Ghetto und Paradies zugleich.

Zur Feier des Veröffentlichung des Videospiels setzt sich Mike Pondsmith, Erfinder des ursprünglichen Rollenspiels, wieder an den Schreibtisch für die kommende Erweiterung des originalen Rollenspiels namens Cyberpunk Red. Wie Pondsmith in einem Interview mit Gamespot verriet, ist es ein bloßer lustiger Zufall, dass sowohl das Entwicklerstudio als auch die Erweiterung den Bestandteil Red im Namen tragen.

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=E42D2XF2oAs, 16.07.18)

Was ist Cyberpunk 2077 für ein Spiel und wie sieht die Welt aus?

Mike Pondsmith dient als Berater. Er sorgt dafür, dass das Rollenspielherz erhalten bleibt. Während man in den meisten Videospielen die Welt rettet, ist die Geschichte hier viel persönlicher: der Hauptcharakter V, der entweder männlich oder weiblich ist(oder er kann sich gar zum Transexuellen umbauen lassen), aber immer abgebrüht, stiehlt einen Chip, der angeblich den Schlüssel zur Unsterblichkeit bereithält. Daraufhin begleitet ihn ein "Geisthologramm" namens Johnny Silverhand, modelliert nach Keanu Reeves. V ist daraufhin nicht nur auf der Suche nach einem Käufer für den Chip, sondern auch auf der Flucht vor den Mächtigen, die über Leichen gehen für dieses Silikonstück.

V ist in gewisser Weise Spielball der Megakonzerne, die alle Aspekte dieser Welt beherrschen. Freut euch unter Anderem auf Mitsubishi-Sugo, die nicht mehr nur Kleinwagen produzieren, oder Orbital Air, einem afrikanischen Konzern, der  Weltraumreisen monopolisiert hat.

In der Welt von Cyberpunk 2077, wo selbst für Limonade mit starkem sexuellen Unterton  und fast pornografischen Bildern geworben wird, ist alles an den gehirnwaschenden Reklamen oberflächlich und dient der Kontrolle der Massen. Konsum ist hier heilig und jeder will Teil der fressenden Klasse sein – eine Parodie des Amerikanischen Traums. Hier eine Warnung: Cyberpunk ist wohl nichts für die Prüden. Nacktheit ist hier Satire und Symbol des Transhumanismus zugleich. Im ersten Gameplay konnten wir schon sehen wie V einige nackte Opfer in einem illegalen Experiment zum Hyperspace aus einer Eiswanne rettet. Wem es noch nicht aufgefallen ist, das Spiel wird nur an Erwachsene gerichtet sein. Auch Gewalt ist hier kein Fremdwort und Körperteile fliegen hier schon mal rum. V ist sterblich und eine einzelne Kugel kann sein Leben beenden, im Gegensatz zu einem faktischen Halbgott wie Kratos aus God of War, der in den Tartaros fällt und wieder hinaufkriecht. Die Welt ist gefährlich, skrupellos wie ein Messer und Vorsicht ist jederzeit zu bewahren.

Night Citys sechs Distrikte sind eine Karikatur einer Stadt die von Einflüssen überschüttet wird und nicht in der Lage ist sie in ihre Struktur einzubauen: bspw. das goldene Westbrook neben Pacifica, einem Sumpf der Bandenkriminalität. Night City ist voll mit Immigranten, die Globalisierung nahm hier vollen Zug. Wenn V mit einem russischen Blinyverkäufer verhandeln will, könnte ein Übersetzerchip nicht schaden, allerdings sollte er auf die Qualität des Chips achten, nicht das er versehentlich den Verkäufer beleidigt.

In Night City ist die Augmentation(ergo der Einbau von Fremdmaterialien in den Körper, um körpereigene Prozesse zu unterstützen oder zu verbessern) ein Fetisch geworden: Menschen werden zu Cyborgs und Cyborgs versuchen sich in den Hyperspace hochzuladen, um letztlich Maschine oder Homo Deus(lat. Gottmensch) zu sein. Die technische Verbesserung des Menschen ist hier alltäglich und selbst der Zahnarzt baut dir zum richtigen Preis gern Implantate ein, aber nicht die zum Beißen.

Roboter sind allgegenwärtig und fahren nicht nur Autos für ihre Besitzer, sondern dienen auch als Boxpartner oder aber führen polizeigewaltliche Positionen aus. Banden ebenso wie Schönheitsköniginnen entscheiden sich gegen ihre Menschlichkeit zugunsten einer unnatürlichen synthetischen Existenz. Der Grad zwischen Mensch und Maschine ist sehr schmal geworden...

Wie spielt man Cyberpunk?

Zwar wird in Cyberpunk 2077 wie in einem Ego-Shooter in First-Person gekämpft, doch typische Elemente alter Rollenspiele wie Eigenschaften bleiben erhalten – doch mit einem Zukunftstwist: Punkte wie Glück und Intelligenz gibt es weiterhin, doch kommt auch technisches Verständnis und Coolness noch dazu. Wie in GTA ist die Welt frei und offen, doch in einer Welt der Wolkenkratzer ist alles in die Vertikale gebaut – der Spieler bewegt sich auf mehreren Etagen. Der Spieler zieht in den Kampf mit Schusswaffen, ballistisch als auch elektromagnetisch für Cyborgs, oder Nahkampfwaffen wie Klingen, die in den Armen integriert sind. Nonlethale Waffen sind zudem eine Option. Der Spieler kann zudem Vehikel wie Autos nutzen, fliegende Autos kann er allerdings nicht selbst steuern. Der Spieler entscheidet sich für eine von sechs Klassen, die unterschiedliche Fähigkeiten besitzen. Zum Beispiel kann der Söldner mit seiner Stärke schwere Türen aufstemmen, doch der NetRunner muss sie aufhacken. Wie im guten alten Diablo 2 gehören Waffen unterschiedlichen Seltenheitsstufen an, doch wie CD Projekt Red versichert ist das Farmen(also das explizite Sammeln von Waffen indem man Massen von Gegnern tötet) nicht Ziel des Spiels. Wie in anderen Spielen seit den Achtzigern heilen Nahrungsmittel neben Medikamenten Kraftpunkte (kann Platon diese uralte Frage beantworten: Warum heilen Conkers tödliche Wunden, wenn er Schokolade isst?).

Doch in Night City finden sich Menschen auf dem Wege zum Cyborg, die echte menschliche Probleme noch immer besitzen und die V in zahlreichen Quests auf allerhand Weise abschließen kann, ob nun als Altruist oder Psychopath. V kann das Spiel durchspielen und alles töten was ihm vors Rohr läuft, doch das bewiese nur schlechten Charakter, denn es ist auch möglich als reiner Pazifist die Handlung zu beenden. Menschliche Beziehungen können feindlicher, freundlicher oder romantischer Natur sein und es ist zu erwarten, dass sie ebenso reif vermittelt werden wie schon in The Witcher 3. Quests sind die Gliederung des Spiels, aber keine sehr feste. In Quests kann man nicht echt scheitern, sondern man kann höchstens eine Quest nach den eigenen Standards schlecht lösen. Das Spiel geht weiter und V muss mit den Konsequenzen seiner Taten leben.

Einige Aspekte des originalen Rollenspiels wie zum Beispiel die Klasse Rockerboy, die die Menschen mit Musik berührt und in seinen Klängen Systemkritik versteckt, haben es anscheinend nicht ins Spiel geschafft, aber vielleicht werden wir ja noch überrascht.

Zu guter Letzt

Meilensteine wie Baldur's Gate, Planescape: Torment und Vampire: The Maquerade – Bloodlines haben längst bewiesen, dass Tabletop-Spiele ebenso gut als Videospiel fungieren. Und in Hinblick auf unsere eigene Zukunft, die sich mit Themen wie Transhumanismus, Cyborgs, Genmanipulation, einer noch weitreichenderen Automatisierung und natürlich mit einer der größten Sinnesfragen aller Zeiten – Was macht einen Menschen aus? - auseinandersetzen muss, kann uns ein Spiel wie Cyberpunk 2077 mehr als bloße Freude bringen. Es ist auch in der Lage uns denken zu lassen und einen Funken in uns zu zünden, wie wir die Zukunft formen können, damit sie nicht die oberflächliche finstere Welt von Night City wird.

Am 16. April 2020 hat das Warten ein Ende und das Spiel erscheint und ich wette, dass einige Korken knallen werden, wenn einige Zockerträume Wirklichkeit werden.

Informationen

  • Text: Josef Appelhans
  • Foto: Josef Appelhans
  • Datum: 08. Juli 2019
  • Kategorie: Bildung Ratgeber