Der Fancy Women Bike Ride

Für viele von uns Frauen ist Fahrradfahren alltäglich. Wir machen uns gar keine Gedanken mehr darüber, dass das hier vor 150 Jahren noch als außergewöhnlich und sogar als anstößig galt. Ein Fahrrad bedeutet Mobilität und Unabhängigkeit, Dinge die Frauen damals von der Gesellschaft nicht gegönnt wurden. Heute ist das hier glücklicherweise anders. Allerdings ist das noch lange nicht überall auf der Welt so.

In vielen Ländern, in denen Frauen noch nicht ansatzweise die gleichen Rechte haben wie Männer, gelten Frauen, die Fahrrad fahren, als unanständig. Durch das Fortbewegungsmittel sind sie selbstständig und unabhängig im Straßenverkehr unterwegs und entscheiden selbst über Tempo und Richtung. Das passt natürlich nicht mit einem rückschrittigen, überholten und frauenfeindlichen Weltbild zusammen. Für Pinar Pinzuti und Semar Gür aus Izmir, ist das Fahrrad deswegen ein Symbol für Emanzipation und Stärke. Die zwei Türkinnen haben deshalb 2013 den „Fancy Women Bike Ride“ ins Leben gerufen.

Frauen aller Religionen, Ethnizitäten, Nationalitäten und sexuellen Orientierungen sind dabei dazu eingeladen, sich schick und/oder schön bunt anzuziehen und auf ihr Fahrrad zu steigen, um mit Gleichgesinnten mit einer Fahrradtour ein Zeichen für Freiheit und Gleichberechtigung zu setzen. Männer und Kinder sind natürlich auch immer willkommen. Die Frauen sollen schrill, schräg, bunt und dadurch vor allem sichtbar sein. Sie personifizieren damit den Wunsch beachtet und nicht ignoriert, gesehen und nicht übersehen zu werden. Damit auch AnfängerInnen nicht auf der Strecke bleiben, ist die Fahrradtour nicht allzu lange, schließlich geht es beim Fancy Women Bike Ride um Solidarität und Gemeinschaft und nicht um Wettbewerb.

Pinar Pinzuti hat in Deutschland studiert und dort erfahren, wie es ist, sich selbstbestimmt und frei mit ihrem Fahrrad zu bewegen, ohne all die verurteilenden Blicke erdulden zu müssen. In ihrer Heimatstadt Izmir war das in ihrer Kindheit und Jugend nicht möglich. Leider hat sich dort, was die Rechte der Frau angeht, nicht viel zum Besseren verändert. Im Gegenteil, die Rechte von türkischen Frauen werden, wie in vielen anderen Nationen, noch weiter eingeschränkt.

Der Fancy Women Bike Ride ist deshalb, trotz der fröhlichen und positiven Stimmung und den schönen Kleidern, vor allem ein Protest und der Versuch, Frauen in ihren Rechten zu stärken und sie dazu zu ermutigen, für diese Rechte einzustehen. Es geht um Solidarität, Befreiung von starren, diskriminierenden Strukturen, und auch darum, misogyne Traditionen und sexistische Strukturen zu durchbrechen. Der Fancy Women Bike Ride ist eine Möglichkeit sich organisiert, vernetzt und auffällig für Frauenrechte einzusetzen.

2013 folgten 200 Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer in Izmir dem Aufruf von Pinzuti und Gür. Der Bike Ride findet seitdem jedes Jahr statt, immer am automobilfreien Sonntag (der dritte Sonntag im September), mittlerweile in mehr als 120 Städten auf der ganzen Welt; unter anderem auch in Köln.

Den Fancy Women Bike Ride nach Köln geholt hat die Kölner Grundschullehrerin mit türkischen Wurzeln, Yeliz Karadeli-Yasar. Dieses Jahr, am 22. September, hat die Aktion in Köln stattgefunden. Viele Frauen hatten Blumen im Haar, trugen schicke Kleider und manche sogar High Heels. Die Stimmung war positiv, fröhlich und offen, aber es wurden auch ernste Töne angeschlagen. In ihrer Rede kündigte Karadeli-Yasar an, so lange jedes Jahr an dieser Demonstration teilzunehmen bis jede Frau auf der ganzen Welt die Möglichkeit habe, Fahrrad zu fahren. Da kann man wirklich nur hoffen, dass das nicht mehr allzu lange der Fall sein wird.

Der Fancy Women Bike Ride ist wirklich eine großartige Aktion und es ist zu hoffen, dass sie auch weiterhin etwas bewegt, im Wahrsten Sinne des Wortes.

Informationen

  • Text: Claudia Holzapfel
  • Foto: Fatima Remli
  • Datum: 07. November 2019
  • Kategorie: Soziales Bildung Ratgeber