Der Supergau in der USK

Als das erste Fallout 1997 herauskam, wurde es sofort zum Klassiker erhoben. Intelligente Kämpfe, eine spannende Handlung und eine Welt zusammengeschustert aus tausend bösen Witzen zeichneten Interplays Fallout aus. Doch nicht jeder sah in Fallout ein Meisterwerk, einige sahen darin eine Bedrohung...

 Einführung

 

Der Leitspruch der Fallout-Reihe: "War, war never changes."

 

Ein Spiel wird nicht einfach so ein Klassiker. Es muss etwas fundamental richtig oder anders machen. Dann ist auch die Frage, ob ein Spiel zur richtigen Zeit herauskommt: kann das Publikum damit umgehen? Spiele wie Super Mario Bros., The Legend of Zelda: Ocarina of Time oder Bioshock waren sofort bei ihrer Einführung Klassiker. Andere brauchten etwas Zeit und wurden anfangs erdrückt von der Presse, wie God Hand. Fallout wurde zu einer Legende schon bei seiner Einführung, doch schon von Anfang an, begannen die Bedenken.

 

Atombombe auf dem Bildschirm

 

Was ist Fallout? Fallout ist ein Rollenspiel, dass in einer Welt spielt, in der der Transistor nie erfunden worden ist und die Welt kulturell in den 1950ern stecken blieb. Im Jahr 2077 kommt es zum nuklearen Schlagaustausch zwischen den USA und China und die alte Welt geht unter. Aus der Asche steigen die Überlebenden aus ihren Bunkern und versuchen irgendwie die Welt wieder zum Laufen zu bringen. Da aber jeder eine andere Idee von der besten Art der Zivilisation hat, kommt es auch in dieser Zeit auf den ausgebrannten Feldern der Erde zu blutigen Kriegen.

 

Und wo ist das Problem?

 

Fallout ist eine Parodie der Unbefangenheit der 1950er in Bezug auf atomaren Waffen. Zeichen der Reihe ist der lächelnde Vault Boy, der den Daumen nach oben hebt – denn damals lehrte man, wenn man den Atompilz mit dem Daumen verdecken kann, ist man sicher vor der Strahlung. In unserer Welt versprach man vor dem drohenden Heißen Krieg, im Nachhinein der Kalte Krieg, dass die Regierung sich schon um das Wohlergehen seiner Bürger kümmerte und das ein Atomkrieg schon nicht so schlimm sein würde – Tim Cain, Vater von Fallout, sah das anders. Dies alles war nur Beschwichtigung und das Abhalten einer Massenpanik, ergo, um es in seinen Worten zu sagen: "You can't trust your government."

Das Spiel Fallout zeigt Menschen von ihren schlechtesten Seiten. Mit dem Zusammenbruch der Zivilisation durch das atomare Feuer ist die Menschheit in etwas zwischen Steinzeit und Postnanozeitalter. Stämme mit Waffen aus Stein und Holz sind ebenso vertreten wie Soldaten in Powerrüstungen bewaffnet mit Plasmagewehren, die sie im Schutt alter Militärstützpunkte gefunden haben. Fraktionen schließen sich zusammen, bloß um zu überleben. Im Ödland streifen hunderte Banden rum, die alles abschlachten, was sich bewegt.

In Fallout übernehmen wir die Rolle des Vault Dwellers, ergo: Bunkerbewohner, der auserkoren wird Ersatzteile in der Ödnis für die Wasserpumpe seines Bunkers zu suchen. Dabei findet er heraus, dass die Oberfläche bewohnt ist von Kannibalen, die Menschenfleisch als Leguan ausgeben, Sklavenhändlern und religiösen Verrückten, die die Ankunft eines neuen Gottes des Völkermords predigen.

Der Spieler hat einen Karmawert: selbstlose und gutherzige Taten erhöhen ihn, egoistische und gewalttätige verringern ihn. Der Spieler wird nicht vom Spiel daran gehindert, grässliche Taten zu begehen. Willst du Fleischstücke aus einer knusprigen menschlichen Lende naschen, kauf bei Iguana Bob ein. Willst du ein Kind mit einem Vorschlaghammer zu Brei hauen, aktiviere den Kampf. Willst du in einer Kneipenschlägerei die Urne des Wirts stehlen, schleich dich an. Die Welt von Fallout ist voll mit gut erhaltenen Vorkriegsdrogen für den kleinen Statboost für zwischendurch oder Gummipuppen, die zu deiner Benutzung stehen.

 

Die ungehörte Kritik

 

Als die deutsche USK dieses Spiel zum ersten Mal sah, bekam sie wahrscheinlich einen Herzinfarkt. Wir sprachen hier immerhin von der strengsten Zensurbehörde der westlichen Welt zur damaligen Zeit, die Spiele für alles mögliche verbot. Altzocker haben immer noch eine schwierige Beziehung mit der alten USK, die gerne mal indizierte. Der Grund: Bis 2003 waren USK-Empfehlungen noch nicht bindend, sodass auch Jüngere Spiele für Erwachsene legal kaufen konnten. Um Kinder zu schützen, wurden Spiele wie Mortal Kombat oder Doom direkt indiziert oder andere wie das erste Half-Life stark zensiert – statt Soldaten bekämpft Gordon Freeman Roboter.

Fallout wurde der Index erspart, doch die Zensurschere verhackstückelte das Spiel wahrlich. Doch nicht nur in Deutschland, in ganz Europa und Australien erschien das Spiel stark geschnitten. Die überspitzten Todesanimationen wurden alle geschnitten, ebenso wie alle Kinder im Spiel. Im Gegensatz zum ebenfalls geschnittenen Fallout 2(übrigens mein absolutes Lieblingsspiel), wo das Schneiden der Kinder die Haupthandlung stark beeinflusst,  hat dies im ersten Teil nur geringe Konsequenzen, es folgen aber Kommentare der Kinder, die leer im Raum stehen. Zudem sind alle Referenzen zum Drogenkonsum des eigenen Protagonisten entfernt worden. Wo man im amerikanischen Original Morphium nimmt für 25% Schadenreduktion, da nimmt der Rest derdurchzieht. In der Welt von Fallout bezeichnet man alles als Chems, dies sind normale Medikamente wie Rad-X, ein Mittel gegen Strahlungsvergiftung, als auch starke Drogen wie Psycho, etwas ähnliches wie LSD. Im zweiten Teil kann der Spieler sich sogar als Erotikdarsteller verdingen. Kein Witz!

Ergo, die Welt von Fallout ist grau, in jedem Aspekt. Drogen sind Heilmittel, Pistoleros für das Gute schießen Banditen zu Schweizer Käse und Sklavenhändler sind Sklavenhändler, um sich in dieser grässlichen Welt irgendwie über Wasser zu halten.

 

Der Schaden

 

Als Fallout seine Entwicklung als GURPS-Spiel(in den 90ern eine bekannte Tabletop-Marke) begann, beschlossen die Entwickler dem Spieler ultimative Freiheit zu geben. Dies führte zur unglaublichen Brutalität des Spiels und somit zum Verlust der GURPS-Lizenz. Klar, der Spieler kann ein wehrloses Kind über den Haufen schießen, doch was der USK entging, war, dass das Spiel dieses Verhalten ordentlich bestraft: man erhält den Titel Kindsmörder, verliert Reputation in allen Siedlungen, eiskalte Killer werden auf dich gehetzt und 90% der Quests können nicht mehr angefangen oder beendet werden. Lässt sich der Spieler auf die Anfrage des Masters, des Bösewichts, ein, wird er zu einem Monster mutiert, dass die letzte Hoffnung der Menschheit auslöscht. Meuchelt man auch nur eine Person in der Stadt, kann man davon ausgehen, dass die ganze Stadt sich mit einem Kugelhagel gegen dich wendet.

Dagegen belohnt Fallout den Spieler dafür, dass er seine Menschlichkeit in diesem Loch von Welt bewahrt. Für den diplomatischen Weg gibt es immer eine Lawine an Erfahrungspunkten, es gibt bessere Waffen und Rüstung und das Ende wird ganz klar von den eigenen Taten bestimmt. Entweder lebe als Held oder werde zur Marionette des Masters. Selbst der letzte Gegner, der Master, kann mit Worten bezwungen werden. Der Spieler kann sich immer herausreden oder zum Ziel reden.

Taten haben wie im realen Leben Konsequenzen.

Heute ist die USK deutlich verständnisvoller und mittlerweile dürfen selbst Hakenkreuze im Sinne des konstruktiven Umgangs mit der Vergangenheit gezeigt werden – bis 2018 absolut undenkbar. Sogar das neue Mortal Kombat, das Hinrichtungen zum Sport macht, darf nun auch beworben werden. Doch in den 80ern und 90ern war die USK brutal. Selbst 1942 – Trainer, eine Flugzeugsimulation, war bis 2014 auf dem Index: man kann nämlich dort Bomben abwerfen und auf dem Land sind Häuser in denen THEORETISCH Zivilisten sein könnten. Spiele wie Contra wurden schlicht verboten, weil man auf Pixelhaufen schießen konnte, die vage menschliche Gestalt annahmen. Total verrückt!

 

Fazit

 

Fallout ist in gewisser Weise Opfer eines gesellschaftlichen Vorurteils geworden, das insbesondere vor 2000 noch herrschte. Gewaltspiele stehen schon länger auf der Liste der Erklärungsversuche, um Amokläufe zu erklären und sind das Feindbild in den Medien schlechthin – gibt es einen Massenmord, sucht man das Problem in den konsumierten Medien. Da frisst sich die Schlange selbst. Selten wird darauf geschaut, dass die Amokläufer so gut wie immer sozial isoliert sind.

Tatsächlich zeigen Statisken das genaue Gegenteil: Videospieler zeigen in Versuchen mehr und stärkeres ethisches Empfinden und handeln dementsprechend empathischer als der Otto Normalverbraucher. Spiele zeigen uns die Konsequenz unseres Handels sofort und dienen weiterhin wie auch Bücher und Filme als Plattformen großer Geschichten.

Fallout ist eine Geschichte vom Wesen des Menschen, in all seiner Grauheit. Hier wird der Mensch präsentiert als das was er ist, nicht als das, was er sein will. Fallout ist heute ein Klassiker und wird es sicher noch lange bleiben. Gellerts seichte Lektüre, der übrigens der größte Dichter seiner Zeit war, kennt heute kein Mensch mehr, aber der mutige Goethe gilt heute als Dichterfürst. Manchmal muss jemand etwas waghalsiges wagen, um Wandel zu schaffen und etwas großes zu hinterlassen.

Und das hat die USK damals nicht verstanden und wir können froh sein, dass sie mittlerweile begriffen hat, dass Videospiele auch eine Kunstform sind – im Jahr 2014 per Gesetz.

Informationen

  • Text: Josef Appelhans
  • Foto: Josef Appelhans
  • Datum: 08. November 2019
  • Kategorie: Bildung Kultur