Der berühmteste Glitch der Welt

Exploits, Glitches und Bugs sind wahrlich Chaoten. Einerseits helfen sie uns Spielern, andererseits frittieren sie unter Umständen die Dateien eines Videospiels. Es gibt Millionen, aber kaum einen so bekannten wie MissingNo.

In den späten 90ern kam man einfach nicht zur Ruhe. Zuerst kam die Simpsons-Manie und dann eroberten die kecken Taschenmonster, die Pokémon, die Spielzimmer der Welt. 151 Pokémon galt es zu sammeln. Schnapp sie dir alle. Doch manche Spieler konnten der Zahl nicht ganz zustimmen, denn da war noch eines und dieses hieß MissingNo., im japanischen Original Ketsuban.

Um MissingNo. ranken sich Legenden. 1996 war das Internet noch klein und Gerüchte rollten über die Schulhöfe. Plötzlich wurde MissingNo. zu einem unveröffentlichen Testpokémon, was irgendwie noch im Spielcode überdauert hatte. Offensichtlich stimmte irgendwas mit MissingNo. nicht. Fängt man es, verglitcht die Ruhmeshalle(eine Art Zertifikat, dass man der beste Kämpfer mit seinen Pokémon in ganz Kanto, der Spielwelt, ist) und das sechste Item im Beutel ist nun 128mal verhanden. Zudem kann in schlechten Fällen die Grafik leiden. Wagt man es zu fangen, hat es die Typen Vogel/Normal. Ersteren gibt es gar nicht im Spiel und solchen Vögeln will ich nicht im Dunkeln begegnen. Allerdings sind seine Attacken durchgeknallt und seine Statuswerte grauenhaft(bis auf der Angriff, es schlägt zu wie ein Panzerfaust). Es sollte nicht sein, aber warum ist es dann da?

Der Grund ist, dass alle Pokémon im Spiel nach Indexnummern sortiert werden. Nach Bytesystemen hat man 255 Indexstellen und statt 151 Pokémon waren ursprünglich 190 geplant. Die restlichen 65 waren mit Trainern, den Gegnern im Spiele, besetzt. Diese 39 restlichen Indexnummern ließ man leer als man sich auf die 151 einigte. Natürlich war das narrensicher, schließlich kann der Spieler nicht auf diese zugreifen. Es war narrensicher.

Wäre es, wenn der Spieler nicht in der Lage wäre temporär eine leere Indexstelle zu besetzen. Hier beweist sich wieder wie katastrophal die Kodierung der Pokémon Editionen Blau und Rot ist, da das Spiel mehrfach neu kodiert worden ist. In einer der Anfangsstädte namens Vertania City lebt ein Greis, der einem das Fangen von Pokémon beibringen kann. Spielt sich die Übungssequenz ab, wird der Name des Spielers temporär in einer leeren Stelle gespeichert und der Spieler übernimmt den Namen GREIS(ja, der Opa) und seinen jugendlichen Sprite. Betritt der Spieler demnächst wieder eine Region, wo Pokémon auftreten können, wird der Spielername wieder eingesetzt. So weit so gut. Allerdings haben die Entwickler eine Stelle im Stil übersehen. Im rechten Rand der Zinnoberinsel kann man zwar Zufallsbegegnungen erhalten, nur sind da keine Pokémondaten eingespeichert. Das Spiel ist jetzt sichtlich verwirrt. Es übernimmt normalerweise die Daten des letzten Gebiets – so kann man Pokémon wie Onix treffen, einer riesigen Steinschlange, die jetzt wie Bims auf dem Wasser schwimmt. Besuchte man aber zuvor den lieben Opi, ändert sich die Sache. Das Spiel sucht nun nach Hexadezimalstellen, um Pokémon zu erzwingen – und hier ist das Problem: es sucht den Teil aus, der den Namen des Spielers kodiert. Die dritte, fünfte und siebte Stelle kodieren die Indexstelle, die vierte, sechste und achte kodieren den Level. Zum Beispiel habe ich den Namen Kenzi in meiner Testsitzung. Damit kann ich sowas unmöglichem wie einem Magnetilo(eine schwebende Zyklopenmetallkugel) auf Level 164 begegnen(Maximallevel ist hundert). Aber auch einem MissingNo., siehe das Bild zum Artikel.

Es mag kompliziert klingen, doch die Ausführung ist so leicht, dass mein Bruder und ich es als Kinder leicht replizieren konnten, als wir es von irgendeinem Spielplatz aufgeschnappt hatten. Sprich mit dem Gries, sieh dir das Tutorial an, flieg zur Zinnoberinsel, schwimm am rechten Rand und Bumm! MissingNo. Ich denke, dass die Einfachheit der Replikation zum Bekanntheitsgrad beigetragen hat: man kann leicht durch Zufall darüber stolpern und bei 20 Millionen Spielern wird es zahlreichen Spielern unabhängig von einander gelungen sein. Doch nicht nur ist das normale MissingNo. mysteriös, es kommt auch noch in einer Armada von Formen. Die Namen sind alle Datenbrei, doch bei den Bildern ist es durchaus findiger: es kommt auch als Geist oder Skelett daher. Gruselig.

MissingNo. ist so bekannt, dass Gamer bis heute sofort wissen, was gemeint ist. Es erscheint als Easter Egg in zahlreichen anderen Spielern, unter Anderem sogar in Minecraft. MissingNo. lebt in der Fangemeinschaft als Kostüm weiter, doch in unseren Herzen füllt es ein tiefes Loch, die frühkindliche Faszination mit dem Unbekannten und mit Wundern jenseits der Grenzen des Spiels.

 

 

 

Hier noch ein paar relevante Links:

Link zu MagicScrumpy: https://www.youtube.com/watch?v=8PILbqZqaS4. (Die magische Erklärung mit anschaulichem Beispiel.)

Link: http://helixchamber.com/. (Hier ist eine Übersicht über alle ursprünglichen 190 Pokémon.)

Informationen

  • Text: Josef Appelhans
  • Foto: Josef Appelhans
  • Datum: 11. November 2019
  • Kategorie: Bildung