Psychische Störungen in der Jugendliteratur

Die Anzahl der erfolgreichen Romane, in denen ein oder mehrere Charaktere vorkommen, die an einer psychischen Störung leiden, hat in den letzten Jahren stark zugenommen, besonders in der Literatur für Jugendliche und junge Erwachsene. Diese Entwicklung ist sehr wichtig was die Repräsentation dieser Krankheiten in den Mainstream-Medien angeht.

Vor kurzem hat der Streaming-Dienst Netflix den Film All die verdammt perfekten Tage, eine Verfilmung des Romans von Jennifer Niven (im Original All the Bright Places, 2015) veröffentlicht. Der Film behandelt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Teenagern, die beide in ihrer Weise mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. Jennifer Nivens Roman ist damit in guter Gesellschaft, denn in den letzten 10 bis 20 Jahren haben sich viele Autoren und Autorinnen der Jugendbuchszene dazu entschlossen, über realistische und ernste Problem wie Depressionen, Selbstmord, Angststörungen und Traumata zu schreiben, anstatt diese oft leider noch als Tabu angesehene Themen totzuschweigen oder zu verdrängen.

Andere Beispiele, und das sind wirklich nur ein paar, sind unter anderem John Greens Jugendromane Eine wie Alaska (2005, im Original Looking for Alaska) und Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken (2017, im Original Turtles all the Way Down). In dem einen Roman geht es darum, wie man den Selbstmord einer Freundin verarbeiten kann und der andere Roman stellt uns eine Protagonistin und Erzählerin vor, die unter schweren Ängsten leidet. Aber auch andere Autoren scheuen nicht davor zurück, ihre Erzählerinnen oder Erzähler von ihrem Kampf mit den eigenen Gedanken und Gefühlen berichten zu lassen. So auch Stephen Chbosky, der mit seinem Briefroman Vielleicht lieber morgen (1999, im Original The Perks of Being a Wallflower) einen Bestseller geschrieben hat, der auch 2011 sehr erfolgreich mit Emma Watson und Ezra Miller verfilmt wurde. Der Protagonist des Romans, Charlie, leidet unter anderem an einer Posttraumatischen Belastungsstörung und an Depressionen, die zwischendurch so schwerwiegend sind, dass er in eine Klinik eingewiesen wird.

Der Roman Tote Mädchen lügen nicht von Jay Asher (2007, im Original 13 Reasons Why), in dem ein Mädchen vor ihrem Selbstmord 13 Kassetten an die Personen verschickt, die sie dafür verantwortlich macht, dass sie nur den einen Ausweg sehen konnte, war vor allem wegen der Netflix-Adaption von 2017 in den Schlagzeilen. Der Serie und auch dem Roman wurde vorgeworfen, Selbstmord zu romantisieren. An diesem Beispiel sieht man, dass die Darstellung eines solch ernsten und auch emotionalen Themas bei weitem nicht einfach oder unproblematisch ist. Diese Herausforderung, die Probleme der Charaktere seriös, realistisch, sensibel, aber dabei auch immer noch zu einem gewissen Grad unterhaltsam abzubilden, gelingt manchen natürlich besser als anderen.

Allerdings ist es trotzdem wichtig, über das Thema mentale Gesundheit zu sprechen und betroffene Personen nicht noch weiter zu stigmatisieren. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden 10 bis 20% der Kinder und Jugendlichen weltweit an mindestens einer psychischen Störung. Das heißt, psychische Krankheiten sind nicht exotisch oder die Ausnahme, sie sind Realität und bedeuten für viele Menschen einen alltäglichen Kampf. Die Behandlung solcher Themen in der Literatur ist deswegen auch so immens wichtig. Besonders Jugendliche sehnen sich danach, verstanden zu werden und sich und ihre Probleme in den Medien repräsentiert zu sehen.

Die Widersacher in Romanen über Charaktere mit psychischen Auffälligkeiten sind keine Hexen, Monster oder Drachen, sondern die eigenen Gedanken und Gefühle, beziehungsweise oft leider die Intoleranz und Ignoranz des sozialen Umfelds. Romane, wenn sie erfolgreich sind, wenn über sie gesprochen und geschrieben wird und wenn sie vielleicht sogar verfilmt werden und damit eine noch größere Reichweite erreichen, können dabei helfen, Aufmerksamkeit für dieses wichtige Thema zu erregen und das Stigma Stück für Stück abzubauen, sodass (junge) Menschen nicht davor zurückschrecken oder sich sogar schämen, sich Hilfe zu suchen und sie auch anzunehmen.


Quellen:

https://www.who.int/mental_health/maternal-child/en/


Informationen

  • Text: Claudia Holzapfel
  • Foto: Claudia Holzapfel
  • Datum: 17. März 2020
  • Kategorie: Soziales Kultur