Kostenloser Nahverkehr - zum Scheitern verurteilt?

Kostenlos Bus und Bahn fahren in Bonn? Für manche wichtiges Ziel in der Klimapolitik, für die anderen nur Zukunftsmusik. Doch man fragt sich, was wäre im Vorhinein nötig, um solch ein großes Konzept umzusetzen? Gibt es vielleicht mehr Nach- als Vorteile?

Der kostenlose Nahverkehr in Bonn war vor einiger Zeit häufig im Gespräch. Grund: In vielen deutschen Städten werden die Stickstoffdioxid-Grenzwerte überschritten, vor allem aufgrund der Dieselabgase. Folge dessen war eine Klage der Europäischen Kommission im Mai 2018.

In fünf deutschen ,,Modellstädten“ werden seitdem verschiedene Maßnahmen zur Reinhaltung der Luft getestet. Die ausgewählten Städte überlegten sich eigens Projekte, von denen das Bundesumweltministerium jeweils mehrere auswählte. Diese werden bis Ende 2020 zu 95 Prozent finanziell gefördert. Auch Bonn nimmt am sogenannten ,,Lead City“ Projekt teil.

Innerhalb dieses Projekts steht vor allem der öffentliche Nahverkehr im Fokus. Ein Vorschlag des Bundes war es, den ÖPNV für die Fahrgäste kostenlos zu machen. So sollen vor allem für Pendler Anreize geschaffen werden, mit Bus und Bahn zur Arbeit fahren. Aus Gesprächen zwischen den teilnehmenden Kommunen ergab sich jedoch, dass keine der Modellstädte dieses Konzept testen wollte.


Bonns Alternative zum kostenlosen Nahverkehr
Bonn setzte anstelle des kostenfreien Nahverkehr unter anderem auf das „Klima-Ticket“, erwerbbar für 365 Euro. Dieses konnte man ab dem 1. Januar 2019 verwenden. Die Laufzeit des Tickets liegt bei einem Jahr, gültig ist es im Bonner Stadtgebiet. Obwohl man für umgerechnet einen Euro am Tag die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen kann, wurden von den 17.000 zur Verfügung stehenden Tickets nur 6500 im ersten Jahr verkauft.

Ein Grund dafür könnte sein, dass das Klima-Ticket nur von Neukunden beantragt werden kann. Langjährige Autofahrer müssten also zuerst davon überzeugt werden, mit dem ÖPNV zu fahren. Mit geringeren Fahrtkosten geht nicht automatisch ein höherer Komfort oder Zuverlässigkeit einher. Zudem lässt sich das Ticket nach dem ersten Jahr nicht verlängern. Neukunden, die vielleicht Gefallen am Fahren mit Bus und Bahn gefunden haben, können dies nach einem Jahr nicht mehr für den günstigen Preis fortsetzen. Und das vielleicht Gravierendste: Es gilt nur im Bonner Stadtgebiet. Berufstätige aus dem Bonner Umland haben von einem nur im Stadtgebiet geltenden Ticket keinen Nutzen.


Was ein kostenloser Nahverkehr mit sich bringt
Ein gänzlich kostenloser Nahverkehr scheint dann wohl doch eine gute Alternative zu sein. Was hindert die Kommunalpolitiker der Lead-Citys dann daran, sich mit dieser Idee anzufreunden?

Eine durch den VRS (Verkehrsverbund Rhein-Sieg) aufgegebene Studie legt dar, inwieweit die Kapazitäten dafür erweitert werden müssten. Laut Experten käme es zu einem Fahrgastzuwachs von 30 Prozent.

Die Studie ergab, dass in Bezug auf jetzt schon überlastete Linien zum einen größere Fahrzeuge nötig wären. Außerdem bräuchte Taktverdichtungen.

Diese für den Fahrgastzuwachs notwendigen Entlastungsmaßnahmen würden im Falle des VRS-Gebiets 120 Millionen Euro kosten. Da die Einnahmen für die Ticketverkäufe aber wegfallen, müssten die dort vertretenden Kommunen die Kosten übernehmen.

Im Rahmen des Lead-City Projekts würde der Bund zwar einen großen Teil beisteuern, klar ist trotzdem: Die notwendigen Investitionen und der Aufwand für das nur zwei Jahre andauernde Programm sind zu hoch. Wenn Lead-City vorbei ist, wer finanziert dann die vorher errichteten Kapazitäten weiter? Daneben stellt sich auch die Frage, ob ein kurz andauernder kostenloser Nahverkehr die Menschen dauerhaft auf Bus und Bahn umsteigen lässt.


Welche Möglichkeiten es sonst gibt
Um den Nahverkehr attraktiver gestalten zu können, müssen die Kommunen zusammenarbeiten. Laut Stadtsprecherin Monika Hörig sei „Lead City“ nur auf Bonn ausgerichtet, weshalb die Angebote an der Stadtgrenze enden würden. Doch wie man am 365-Euro-Ticket sah, scheiterten Projekte aus diesem Grund.

Wenn man an die Luftverschmutzung, oder den Klimawandel, denkt, wären langfristig gesehen auch hohe Investitionen sinnvoll. Die Ausweitung des Straßenbahnnetzes zum Beispiel. Wenn Pendler einfacher von A nach B kommen, ist das Fahren mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht mehr mit Aufwand verbunden. Um so etwas finanzieren zu können, brauchen die Kommunen aber mehr Geld von Land und Bund.


Quellen:

Informationen

  • Text: Natascha Gasper
  • Foto: Natascha Gasper
  • Datum: 18. März 2020
  • Kategorie: Stadt Soziales Politik