„Essen? Das mache ich schnell so nebenbei...“

Schnell den letzten Bissen der Mahlzeit in den Mund geschoben und noch kauend aufgestanden, den Teller in die Spülmaschine gestellt und die letzten Essensutensilien wieder in den Kühlschrank geräumt. Kommt Euch das bekannt vor?

Essen geschieht in unserer Gesellschaft regelmäßig so „nebenbei“. Auf dem Weg zum Bus oder zur Bahn, vor dem Fernseher, während der Arbeit. Oder es kommen Gedanken wie: „Nach der Mittagspause wartet wieder der Schreibtisch auf mich – Ahhh! Vielleicht lieber noch einen Keks zum Abschluss essen.“ In diesen Fällen dient das, was uns nährt, als willkommene Ausrede, um eine andere Tätigkeit noch etwas länger ruhen zu lassen. Und wie ist das mit dem Stress, der ausbleibenden Nähe zum Partner oder purer Müdigkeit: einfach mal etwas essen… Dass man sich danach vielleicht müde, unwohl und irgendwie gar nicht so vital fühlt, können wir in den Momenten erstaunlich gut ausblenden.

Soweit der Status quo. Doch was, wenn wir dem Essen einmal die Aufmerksamkeit schenken würden, die es eigentlich verdient hätte? Was, wenn wir ganz bewusst auf unser Gefühl und unsere Eindrücke vor, während und nach dem Essen achten?

Klingt nach Achtsamkeit? Richtig! Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: eine ganz schöne Herausforderung; allerdings auch: eine schöne (!) Herausforderung.

 

Fünf Regeln für achtsames Essen

Die vergangenen vier Tage habe ich mich dieser Herausforderung gestellt.

Regel 1:

Ich habe weitestgehend allein und schweigend gegessen. Kein Radio spielte im Hintergrund, kein Podcast im Ohr, kein Telefonat in der Hand ...

 

Regel 2:

Ich habe immer nur eine Kauportion genommen und dann das Besteck, das Brötchen, das was auch immer aus der Hand gelegt und ganz in Ruhe einfach nur gekaut. Gekaut bis Salat oder Brötchen nur noch ein schöner flüssiger Brei waren. Klingt unappetitlich? Der Spruch: „Gut gekaut, ist halb verdaut.“ kommt an der Stelle nicht von ungefähr und tatsächlich ist es gerade dieser Speisebrei, der ein besonderes Geschmackserlebnis bereit hält.

 

Regel 3:

Ich habe beim Essen bewusst mein Essen angeschaut und hin geschmeckt – was schmecke ich da eigentlich? Wie sieht es aus? Wie fühlt sich das im Mund an? Wie klingt es beim Kauen? Wie verändern sich all diese Komponenten? Wo kommt das Essen her? Was habe ich oder jemand anderes gemacht, damit es nun dort liegt? Wie riecht es?

 

Regel 4:

Ich habe meinen Körper wahrgenommen. Meine Schultern waren häufig angespannt. Auch mein Bauch war häufig nicht locker, so dass ich gar nicht frei und entspannt atmen konnte. Ich saß zuweilen gebeugt da und erst als ich mir dessen bewusst geworden bin, habe ich meine Haltung verändert und fühlte mich dann wohler.

 

Regel 5:

Ich hörte auf, wenn ich satt war. Vielen von uns wurde in der Kindheit beigebracht, aufessen zu müssen. „Das gehört sich so!“ „Wenn du nicht auf isst, regnet es morgen.“ Dieses Dogma loszulassen, kostetemich einige Überwindung - immer wieder.

 

 

„Oh – wie langweilig ist das denn bitte?“

Und was brachte es?

Zunächst kostete es mich viel Geduld, langsam zu kauen und mit den Gedanken nicht abzuschweifen, sondern bei dem Essen vor mir zu bleiben. Ebenso: Nicht schon an den übernächsten Bissen, sondern an den gegenwärtigen Bissen zu denken. Der, den ich zwar nicht mehr sehen, aber nun einmal schmecken konnte, weil er sich gerade in meinem Mund befand. Zeitweise war ich gelangweilt und es fühlte sich wie Zeitverschwendung an. Sonst höre ich während des Essens immer Radio oder einen Podcast, jetzt hörte ich mich kauen. Ich saß also da, es war still und ich schaute mein Essen an und dachte daran, wie ich beim Bäcker angestanden und die Brötchen gekauft, wie der Bäcker die Brötchen gebacken hatte und dafür früh aufgestanden war und wie der Bauer den Weizen auf dem Feld ausgebracht und geerntet hatte. Klingt alles ziemlich dröge und gezwungen.


Wo Leere war, entsteht Fülle.

Doch dann gab es einen Moment. Einen Moment, in dem ich die drängelnden und nörgelnden Gedanken hinter mir lassen, mich zurücklehnen und dem Augenblick öffnen konnte. In dem Moment stellte sich ein Gefühl von Fülle ein. Ein Gefühl, physisch und psychisch aufgefüllt zu werden.

Zum einen habe ich mein Essen tatsächlich wahrgenommen. Das heißt, ich kann nicht nur die Frage beantworten, was ich gegessen habe, sondern ich weiß genau, wie es aussah und wie es schmeckte. Ich habe den Thymian wahrgenommen, der plötzlich hervorstach, das Scharfe im (rohen) Wirsingkohl und die Bitterkeit in den Haselnüssen. So genau hinzuschmecken war spannend und machte sogar Spaß! Brot und Brötchen sind für sich genommen ziemlich fad, Gemüse und Obst sind großartig frisch und Nüsse, Kräuter und Gewürze machen wahrlich das „Salz“ in der Suppe aus. Es ist gerade dieser geschmackliche Facettenreichtum, den wir häufig übersehen, weil wir nur den primären Geschmack wahrnehmen, wenn wir etwas zu uns nehmen und innerhalb weniger Sekunden mit den Gedanken wieder woanders sind. Frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber beim Geschmack lohnt es sich, geduldig zu sein und einen Gang runter zu schalten.


Denn zum anderen habe ich auch physisch wahrgenommen, dass das, was ich da gerade esse, mich tatsächlich nährt. Nähren bedeutet, etwas zu erhalten und wachsen zu lassen. Unsere Nahrung dient in erster Linie dazu, uns mit dem zu versorgen, was wir an Nährstoffen zum Leben brauchen. Das Bewusstsein, dass die sonst lieblos ausgeführten Kaubewegungen im Mund unmittelbar mit unserer Verdauung in den uns weniger bewussten Verdauungsorganen zu tun hat, drängt sich bei dieser Form des achtsamen Essens geradezu auf. Um an dem oben genannten und etwas unappetitlich anmutendem Satz anzuknüpfen: Wirklich flüssiger Nahrungsbrei fühlt sich beim Schlucken nicht nur viel angenehmer an als nur Halbgekautes (Ich rate zum direkten Vergleich: ein trockenes Brötchen nach 10 mal kauen und ein trockenes Brötchen nach 40 mal kauen – was fühlt sich besser an?). Auch für die Verdauungsorgane ist es viel leichter. Sie können uns effektiver mit Nährstoffen versorgen, ohne dass es dabei zu Blähungen oder anderen Verdauungsproblemen kommt. Dieser Umstand leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass ein Brötchen im Magen-Darmtrakt erst bis auf Molekülebene zersetzt werden muss, um vom Körper bis auf den kleinsten Nährstoffrest aufgenommen zu werden. Von der Molekülebene ist besagtes trockenes Brötchen nach 10 mal kauen noch ziemlich weit entfernt.


Schließlich stieg auch mein Empfinden dafür, wann ich Hunger habe und allem voran, wann nicht. Da kann sich schon mal eine Lücke in der persönlichen Zeitplanung auftun, wenn zu der gewohnten Abendbrotzeit gar kein Bedarf für eine weitere Mahlzeit besteht. Es ist doch 19 Uhr! Das habe ich doch sonst immer so gemacht! Und was soll ich mit der nun gewonnen Zeit tun? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Derartige „Problemstellungen“ verunsichern jedenfalls mich oft erstaunlich stark.

 

 

Achtsamkeit-Häppchen im Alltag

Zu essen ist natürlich nicht nur eine lebenserhaltende, sondern auch ungemein soziale Tätigkeit. Und für mich ist es kein Zukunftsmodell, fortan alle Mahlzeiten nur noch im Schweigen zu mir zu nehmen. Noch bin ich nicht im Kloster. - Moment mal. In meinem Kopf dämmert die Erinnerung, dass in der Grundschule beim Essen nicht geredet werden durfte. So viele Jahre fand ich diese Regel widersinnig. Hat sie nun etwa doch ihre Daseinsberechtigung?

Sagen wir: jain. Achtsam zu essen, in totaler Stille, mit allen Gedanken und Sinnen beim Essen zu sein, ist eine großartige Selbsterfahrung. Sie ist aber keine Dauerpraxis. Stattdessen werde ich die Achtsamkeit in jede Mahlzeit mit hinein nehmen. Das heißt, am Anfang vor allem genau hinzusehen, zu riechen, zu schmecken, zwischendurch auch mal nicht reden, mit den Gedanken immer mal wieder an den Bissen denken, der gerade noch im Mund verarbeitet wird und vor allem Zeit nehmen. Zeit, um lange zu kauen und sich in Ruhe, ohne wesentliche Ablenkungen einfach nur zu nähren und zu stärken.

 

Quellen:

Informationen

  • Text: Kareen Vieweg
  • Foto: Kareen Vieweg
  • Datum: 17. Mai 2020
  • Kategorie: Bildung Ratgeber