Stevia: Neues süßes Wundermittel oder Pfusch der Lebensmittelindustrie?

Seit 2011 ist Stevia offiziell in der Europäischen Union zugelassen. Der Zuckerersatz gilt als kalorienarm und wird im Zusammenhang mit vielen Diäten beworben. Doch es gibt auch Stimmen, die hinter dem Süßmacher gesundheitsschädliche Auswirkungen vermuten. Was steckt hinter dem Hype um Stevia, brauchen wir den handelsüblichen Zucker von nun an nicht mehr oder ist die Lobpreisung des Stoffes nur Augenwischerei?

Was ist Stevia?

Stevia, bzw. stevia rebaudiana ist eine Pflanze, die in Paraguay in Südamerika wächst. Aus der Pflanze, die auch als Süß- oder Honigkraut bezeichnet wird, kann ein Zuckerersatz gewonnen werden. Dieser Zuckerersatz entsteht jedoch nicht aus der Pflanze selbst, sondern in einem industriellen Verfahren. Das Ergebnis dieses Vorgangs sind dann Steviaglykoside, mit denen Speisen gesüßt werden können.

 

Stevia ist dreihundertmal so süß wie unser handelsüblicher Zucker und dabei sehr kalorienarm. 100g Steviapulver haben 371 Kilokalorien. Das klingt zunächst viel. Da der Zuckerersatz aber so viel süßer ist, bedarf es nur einer geringen Dosis, wodurch beispielweise ein Rührkuchen durch die Zugabe von Stevia nur 100 Kilokalorien in Form von Süßungsmitteln enthält.

Aufgrund dieser Eigenschaft wird Stevia seit einigen Jahren als Geheimtipp beim Abnehmen gehandelt. Darüber hinaus verursacht Stevia keine Karies und ist auch für Diabetiker geeignet. Das alles klingt sehr reizvoll und man fragt sich, wofür es dann eigentlich noch des schädlichen „alten“ Zuckers bedarf. Aber Stevia hat auch Schattenseiten.


Die Produktion von Stevia ist nicht biologisch

Man sollte meinen, dass eine Pflanze, welche die stevia rebaudiana ja ist, ein reines Naturprodukt darstellt und damit in reinster Form als biologisch anzusehen ist. Dem ist auch so. Allerdings ist das Endprodukt, das den Zucker ersetzt, nicht die Pflanze selbst, sondern Steviaglykoside, die in einem industriellen Prozess hergestellt werden. Der Hauptproduzent – China – ist nicht gerade für seine umweltschützenden Vorgaben bekannt. Darüber hinaus werden bei der Steviaherstellung Aluminiumsalze eingesetzt, die ebenfalls umweltschädlich sind. Das Produkt, das am Ende der Herstellung steht, ist damit nicht biologisch. Und der Anbau der Pflanze selbst ist in der EU bislang nicht zugelassen. Zwar dürfen Steviaprodukte seit 2011 in der EU gehandelt werden, die Pflanze darf jedoch nicht gewerblich vertrieben werden.


Ist Stevia gesundheitsschädlich?

Mit dem Hype um Steviaprodukte kamen auch die Stimmen auf, die Stevia für gesundheitsschädlich erklärten. Lange Zeit hieß es, Stevia sei krebserregend, was durch Versuche an Ratten belegt werden sollte, die durch die Verabreichung von Stevia erkrankten. Nach neuesten Erkenntnissen ist Stevia jedoch nicht gesundheitsschädlich. Dies gilt jedenfalls bei dem Verzehr in normalen Mengen. Den Ratten wurden bei den Versuchen Mengen verabreicht, die ein Mensch im Verhältnis gar nicht zu sich nehmen kann. Darüber hinaus würde die Einnahme in zu hohen Mengen den Menschen bereits geschmacklich abschrecken, denn der Geschmack von Stevia ist sehr eigen.


Geschmackstest und Dosierung

Der Geschmack von Stevia ist für viele Menschen zunächst gewöhnungsbedürftig. In Überdosis schmeckt Stevia lakritzartig. Doch wann ist eine Überdosis überhaupt erreicht? Die Dosierung von Stevia ist eine Wissenschaft für sich und bedarf, je nach Darreichungsform, einiger Übung. Zunächst ist hier festzuhalten, dass Stevia sich als Zuckerersatz nicht für jedes Gericht eignet und es für verschiedene Verwendungen jeweils einer anderen Form des Stoffes bedarf. Stevia gibt es im Supermarkt zu kaufen und zwar als Pulver, als Tabletten, als Flüssigkeit und als Blätter der Pflanze. Die flüssige Form ist dabei für Anfänger am einfachsten zu dosieren. In Pulverform ist Stevia am teuersten und kostet pro 100g 15 bis 20€. Dafür können mit dieser Form aber auch 1,2 bis 5kg Haushaltszucker ersetzt werden.

 

Für alle Einnahmeformen gilt: Als Tageshöchstdosis dürfen von dem Zuckerersatz nur maximal 4mg pro Kilogramm Körpergewicht eingenommen werden. Zum Vergleich, bei regulären Zuckern sind es 40mg/Kilogramm Körpergewicht.


Fazit

Stevia hat durchaus positive Eigenschaften und ist in normalen Mengen nicht gesundheitsgefährdend. Als Waffe im Kampf gegen überschüssige Pfunde ist mit Stevia aber Vorsicht geboten. Durch den eigenwilligen Geschmack werden viele Produkte, die mit Steviasüße werben, zusätzlich mit regulärem Zucker gesüßt, um den Verbraucher nicht zu verschrecken. Damit tritt fast keine Kalorienersparnis ein. Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass der Dickmacher in vielen Produkten gar nicht der Zucker ist, sondern andere Inhaltsstoffe, die nicht mit Stevia ersetzt werden können. Bei Schokolade beispielsweise stammen die meisten Kalorien aus Fetten und Kakao.

 

Man sollte sich immer eines vor Augen führen: Der menschliche Körper braucht keinen Zucker. Er ist physiologisch für uns nicht lebensnotwendig. Statt also Zucker zu ersetzen, könnte man auch versuchen, auf ihn zu verzichten. Süße Joghurts können durch Naturjoghurt und zuckerhaltige Getränke durch Wasser oder zuckerarme Säfte ausgetauscht werden. Wenn man sich dann gelegentlich eine Speise gönnen möchte, die Zucker benötigt (ein gutes Dessert beispielweise), so kann beruhigt auf Stevia als kalorienarmen Ersatz zurückgegriffen werden.

Quellen:

Informationen

  • Text: Silvia Stiepel
  • Foto: Silvia Stiepel
  • Datum: 03. August 2020
  • Kategorie: Ratgeber