Wenn der Mann als Standardmensch gilt

Gender Pay Gap? Hat jeder schon einmal gehört. Doch nicht nur bei der Entlohnung werden Frauen benachteiligt, sondern auch in vielen anderen Bereichen des Lebens – zum Beispiel bei der Produktentwicklung oder in der Forschung. Der Fachbegriff für diese Ungleichheit lautet Gender Data Gap.

Doch was genau beschreibt die Gender Data Gap eigentlich? Der Begriff „Gender Data Gap“ beschreibt die Lücke an Daten, die zu Frauen im Vergleich zu Männern gesammelt werden. Bei einem Großteil der Studien, z. B. in der Produktentwicklung oder der Pharmazie, werden neue Produkte in der Entwicklung nur mit Männern getestet und dann logischerweise auch nur an sie angepasst. Die Ergebnisse werden stellvertretend für beide Geschlechter gesehen. Geschlechterunterschiede werden nicht bedacht. Der Mann gilt also als „Durchschnittsmensch“.

Der weibliche Körper gilt aufgrund seines Menstruationszyklus als zu „kompliziert“, also macht es sich die Forschung oft einfach und experimentiert hauptsächlich mit männlichen Probanden. 70% aller Tierversuche werden ausschließlich an männlichen Tieren getätigt und auch bei Tests an Menschen werden oft nur Männer als Probanden benutzt. Das Medikament kommt dann auf den Markt ohne jemals an einem weiblichen Körper getestet worden zu sein, wird jedoch trotzdem beiden Geschlechtern verschrieben. Ob es bei Frauen genauso wirkt oder unbekannte Risiken birgt, weiß man nicht und ob es während der Periode ohne Probleme genommen werden kann, ist ebenfalls unbekannt.

Doch auch in anderen Bereichen außer der Medizin werden Frauen unnötigen Risiken ausgesetzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Frau bei einem Autounfall ernsthaft verletzt, ist um 47% höher als bei einem Mann. Das Sterberisiko ist 17% höher. Männer sind zwar in häufiger Autounfälle verwickelt, weswegen sie in absoluten Zahlen öfter verletzt werden, doch wenn eine Frau in einen Unfall gerät, ist sie einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt. Das liegt daran, dass Autos hauptsächlich mit Dummys, die den männlichen Körper imitieren, getestet werden und dann an den männlichen Körper angepasst werden.

Frauen sind im Durchschnitt kleiner als Männer, die räumlichen Verhältnisse im Auto passen also gar nicht zu ihrer Körpergröße. Da Frauen kleiner sind, sitzen sie als Fahrer weiter nach vorne gerückt und mit geraderem Rücken als Männer. Ihre Beine befinden sich ebenfalls in einem anderen Winkel als die eines männlichen Fahrers. Diese Haltung, die Frauen aufgrund ihrer Größe gezwungenermaßen einnehmen müssen, ist allerdings eine Fehlhaltung und erhöht bei einem Unfall das Verletzungsrisiko.

Ein weiteres Beispiel ist die Passform persönlicher Schutzausrüstung, denn auch diese wurde für männliche Körper entworfen. Für weibliche Arbeiter werden einfach kleinere Größen bestellt. Dass der weibliche Körper in der Regel eine andere Form und andere Proportionen hat, wird ignoriert. Das Ganze wird dann Unisex-Größe genannt, bedeutet aber eigentlich Ignoranz gegenüber der Existenz der Frau. Frauen werden einem erhöhtem Verletzungsrisiko ausgesetzt, das durch richtig sitzende Kleidung minimiert werden könnte.

Es muss allerdings nicht immer um Leben oder Tod bei der Gender Data Gap gehen. Manchmal macht man Frauen mit einseitiger Datenerhebung auch einfach das Leben schwer. Wenn zum Beispiel Google, Alexa und Co. mal wieder nicht verstehen, was sie von ihnen wollen. Die Softwares wurden mit hauptsächlich männlichen Stimmen gefüttert, weswegen sie diese auch besser verstehen. Bei Googles Spracherkennungs-App ist z. B. die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Mann versteht, um ganze 70% höher als bei einer Frau. Die Frau zahlt natürlich den gleichen Preis, auch wenn der Service für sie nicht auf demselben Niveau ist. Es gibt viele weitere Beispiele, die aufzeigen, dass das weibliche Geschlecht bei der Produktentwicklung außen vor gelassen wurde. Diese alle aufzulisten würde allerdings die Kapazitäten dieses Artikels sprengen.

Doch auch im Sprachgebrauch fällt auf, dass der Mann als Maß genommen wird und die Frau als Abweichung von ihm gilt. Wenn zum Beispiel von der deutschen Fußballnationalmannschaft die Rede ist, sind natürlich die Männer gemeint. Redet man von den Frauen muss man dies extra dazu erwähnen, sie sind die „deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen“. 

Man könnte diese Beispiele jetzt herunterreden und argumentieren, dass es sich nur um Kleinigkeiten handelt. Doch sind es wirklich nur Kleinigkeiten, bei denen zufälligerweise immer wieder die Frau benachteiligt wird? Oder ist es ein ganzes System, dass das weibliche Geschlecht für einfach nicht so wichtig hält?

Gleichberechtigung kann nur funktionieren, wenn die (physischen) Unterschiede zwischen den Geschlechtern erkannt und beachtet werden. Wo in der Forschung Unterschiede entdeckt werden, muss auf sie geschlechterspezifisch eingegangen oder ein Kompromiss gefunden werden, der keines der Geschlechter benachteiligt. Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus und sollten nicht als Mensch zweiter Klasse betrachtet werden, der sich an die Männerwelt anpassen muss.   

Quellen:

Informationen

  • Text: Victoria Schmidt
  • Foto: Victoria Schmidt
  • Datum: 16. September 2020
  • Kategorie: Soziales Bildung