Wie das Suchtmittel Alkohol seine gesellschaftliche Akzeptanz erreicht hat – Teil III

Im zweiten Teil dieser Reihe zum Thema Alkoholkonsum und Alkoholismus habt Ihr gelesen, welche sozialen Ursachen hinter unserem Trinkverhalten stehen und wie unsere Psyche und früh erlerntes Verhalten dieses bestärken. Daneben führen auch die positiven Effekte von Alkohol – wie eine gelöste Stimmung – dazu, dass wir den Konsum gesellschaftlich befürworten. Der dritte und letzte Teil soll aufzeigen, welche Folgen das vermehrte Trinken von Alkohol mit sich bringt und wie das gesellschaftlich selbstverständliche Trinken geändert werden könnte.

In geringen Mengen hat Alkohol, wie im zweiten Teil dieser Reihe erläutert, zunächst "positive" Effekte auf unser Auftreten und Empfinden. Doch wird er in erhöhten Mengen konsumiert, kehren sich die Effekte schnell ins Negative. Es kommt zu Wahrnehmungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefiziten, mangelnder Koordinations- und Sprachfähigkeit sowie Müdigkeit und Benommenheit. Bei einem sehr hohen Konsum kann es auch zu Bewusstlosigkeit und zu einem Koma kommen.
Dies sind die Negativfolgen eines kurzeitigen übermäßigen Rausches. Doch diese sind mit den langfristigen Folgen eines dauerhaften Alkoholkonsums kaum vergleichbar.

Die Langzeitfolgen

Jährlich entstehen rund neun Milliarden Euro an direkten Kosten infolge von schädlichem Alkoholkonsum in Deutschland. Darunter fallen etwa die Kosten für Pflege oder auch Rehabilitationsmaßnahmen. Der Missbrauch von Alkohol kann einige schwere Folgeerkrankungen mit sich bringen. Zu den häufigsten Diagnosen zählen hier eine Herzinsuffizienz, Psychische- und Verhaltensstörungen und Herzinfarkte.
Wann aber spricht man von Sucht und nicht mehr von gesellschaftlich anerkanntem Trinken?

Wo beginnt die Sucht?

Fettleibigkeit, Rauchen, Anorexia oder der Konsum von harten Drogen wie Cannabis oder Heroin – in einer Gesellschaft gibt es zahlreiche Suchten. Eine davon ist Alkoholismus.
Wenn sich das Trinkmotiv beispielsweise von sozialer Anerkennung hin zu persönlicher Problembewältigung ändert, ist der Weg in eine Sucht oft nicht mehr weit. Menschen, die aus sich heraus – also aus persönlichen Motiven – trinken, neigen eher zu Alkoholmissbrauch als Menschen, die nur aus sozialen Gründen trinken.

Die Abhängigkeit von einer Substanz kann nach dem ICD-10 ("International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems") bestimmt werden. Hiernach müssen drei von sechs suchtdefinierenden Kriterien innerhalb des letzten Jahres durch den Betroffenen erfüllt worden sein, um von einer Abhängigkeit zu sprechen. Zu diesen Kriterien zählen z. B. körperliche Entzugssymptome, ein starker Wunsch oder Zwang, die Substanz zu konsumieren und eine Toleranzentwicklung bzw. Dosissteigerung.
Dabei kommt die Alkoholsucht in nahezu allen gesellschaftlichen Schichten vor, vermehrt sogar in den sozial besser gestellten Schichten. Es kann jeden treffen, sodass es auch nicht verwundert, dass es zahlreiche prominente Beispiele gibt. So litten und leiden auch bekannte Musiker und Schauspieler an Alkoholabhängigkeit.

Die Leidtragenden sind dabei, neben den Betroffenen selbst, deren Familien. Diese müssen nicht nur mit dem Alkoholiker selbst klar kommen, der in der Folge auch häufig seine Persönlichkeit verändert und sich zu einem völlig anderen Menschen entwickelt. Die Aufgabe der Familie liegt vor allem darin, den Schein nach außen zu wahren. Für die Gesellschaft soll das Bild der funktionierenden Partnerschaft und Familie aufrecht erhalten werden, während die innere Struktur zunehmend bröckelt. Es entsteht eine Art „Familiengeheimnis“, wobei die Angehörigen ein Gefühl der Ohnmacht, Hilflosigkeit und des Alleingelassenseins ertragen müssen.
Hier entsteht erneut ein Paradoxon in unserer Gesellschaft: Wer nicht trinkt ist schnell „uncool“ und wird ausgegrenzt. Kommt es aber zur Abhängigkeit vom Alkohol, ist dies peinlich und ebenso ungewollt.

Was muss sich in einer Gesellschaft ändern?

Mehr als zweieinhalb Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland leben oder lebten mit einem alkoholkrankten Elternteil zusammen. Diese Zahl ist offenkundig viel zu hoch, zumal das Risiko, selbst suchtkrank zu werden, mit einem kranken Elternteil erheblich ansteigt.
Doch was muss eine Gesellschaft verändern, um den selbstverständlichen Konsum von Alkohol zu beenden?
Sollte Alkohol illegalisiert werden? Muss das Alter zum Erwerb von Alkohol hochgestuft oder eine Höchstabgabegrenze von alkoholischen Produkten eingeführt werden?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) glaubt erkannt zu haben, dass das sinnvollste Mittel hierfür die Erhöhung der Steuern auf alkoholische Getränke ist. Daneben soll es Beschränkungen der Werbung für Alkohol und Beschränkungen der physischen Verfügbarkeit von Alkohol im Einzelhandel geben. Derzeit entwickelt sie einen Aktionsplan (2022–2030), um die globale Strategie zur Reduzierung des schädlichen Alkoholkonsums als Priorität für die öffentliche Gesundheit wirksam umzusetzen.

Es bleibt aber fraglich, ob diese Maßnahmen Früchte tragen werden. Denn im Grunde müsste sich eigentlich die Einstellung der Gesellschaft zum Alkoholkonsum und zur Alkoholsucht vollumfänglich ändern.

Volksdroge Alkohol – Teil I

Volksdroge Alkohol – Teil II

Quellen
:

Informationen

  • Text: Silvia Stiepel
  • Foto: Silvia Stiepel
  • Datum: 06. Oktober 2020
  • Kategorie: Soziales