Autismus – Was ist das eigentlich?

Albert Einstein, Greta Thunberg, Wolfgang Amadeus Mozart – bekannte Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Ein Physiker, der sich zwanghaft mit komplizierten Themen beschäftigt, eine Umweltaktivistin, die sich ausschließlich auf den Klimawandel fokussiert und ein begabter Komponist, der schon im Alter von fünf Jahren anfing zu komponieren. Was haben diese Persönlichkeiten gemeinsam? Sie verfüg(t)en über andere Denk- und Verhaltensweisen, die für Außenstehende sehr eintönig aussehen können, doch für diese Menschen zum Leben dazugehören. Der Grund ist Autismus. Was bedeutet Autismus und woran kann an ihn erkennen?

Dies sind nur drei Beispiele von bekannten Personen, bei denen Autismus vermutet oder diagnostiziert wurde. Viele Autisten bleiben teils sehr lange undiagnostiziert. Dies liegt vor allem daran, dass das Spektrum des Autismus noch nicht komplett erforscht wurde.

Was ist Autismus?
Zunächst muss klargestellt werden: Autismus ist keine Krankheit. Es handelt sich bei Autismus um eine neurologisch bedingte Veranlagung. In der Psychologie spricht man von einer "tiefgreifenden Entwicklungsstörung". Hier handelt es sich um eine Störung des zentralen Nervensystems besonders im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung. Autisten verhalten sich somit anders, als wir es gewohnt sind. Sie haben eine andere Denk- und Lernweise und auch die Form der Kommunikation und Interaktion kann von der Norm abweichen.

Autismus wird auch als Autismus-Spektrum-Störung (ASS) für das gesamte Spektrum autistischer Störung bezeichnet. Denn ein Autist ist nicht gleich Autist, es gibt Unterschiede. Es gibt Menschen mit Autismus, die sich sehr gut sprachlich ausdrücken können und wiederum andere, denen es schwerfällt, überhaupt etwas zu sagen.

Woran kann man Autismus erkennen?
Autismus fällt manchmal nicht sofort auf, denn er ist sehr komplex. Dennoch gibt es einige Merkmale, anhand derer man feststellen kann, ob es sich um Autismus handelt:

  • Probleme, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen
  • Probleme in der Kommunikation und dabei, sich in Andere hineinzuversetzen (Verhalten und Reaktion sind oft unpassend)
  • fokussiert auf einen bestimmten Bereich von Aktivitäten und Interessen (spezielle Interessen)
  • Probleme beim Umgang mit Veränderungen (Routine ist wichtig)
  • Probleme dabei, etwas nachzuahmen

Jeder Mensch mit Autismus ist unterschiedlich, das bedeutet, dass diese Merkmale nicht bei jedem auf dieselbe Art und Weise vorkommen.

Welche Formen von Autismus gibt es?
Die Diagnosecharakteristiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Autismus-Spektrum-Störungen werden in der ICD 10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) unter der Kennzeichnung F 84 als medizinische Diagnose bestimmt. Im ICD stehen die offiziellen Diagnosekriterien für Autismus und es ist gleichzeitig auch die wichtigste Grundlage, um medizinische Diagnosen zu stellen. Dabei wird bis jetzt zwischen drei verschiedenen Formen von Autismus unterschieden:

1. "Frühkindlicher Autismus" (F 84.0)

2. "Asperger-Syndrom" (F 84.5)

3. "Atypischer Autismus" (F84.1)

Was ist "Frühkindlicher Autismus"?
Die vom Kinderpsychiater Leo Kanner diagnostizierte Störung, auch als Kanner-Syndrom bekannt, wird heute als frühkindlicher Autismus bezeichnet. Es handelt sich insbesondere dann um "frühkindlichen Autismus", wenn die autistischen Merkmale noch vor dem 3. Lebensjahr auffallen:

  • Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung und Gestik werden in der Beziehung und Kommunikation zu anderen nicht verwendet
  • Probleme, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen
  • Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit oder Probleme, sich der Situation entsprechend zu verhalten
  • Probleme, spontan Freude, Interessen oder Tätigkeiten miteinander zu teilen
  • Probleme beim Sprechen der gesprochenen Sprache (fangen später an zu sprechen oder eingeschränktes Sprechen)
  • Unfähigkeit, einen sprachlichen Kontext zu beginnen oder aufrechtzuerhalten, bei dem es einen gegenseitigen Kommunikationsaustausch mit anderen Personen gibt
  • Wiederholungen in der Sprache
  • keine Schauspielerei (Imitation) möglich
  • ein oder mehrere Interessen und lange Beschäftigung mit denselben Dingen
  • wiederholtes Verhalten wie z. B. Hand- und Fingerschlagen oder Verbiegen, oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers
  • besondere Auseinandersetzung mit Funktionen des Spielzeugs, wie Geruch, die Oberflächenbeschaffenheit oder das von ihnen hervorgebrachte Geräusch oder ihre Vibration
  • Bedürfnis nach Beständigkeit (z. B. Gegenstände am gewohnten Platz)
  • Symptom von Autismus: Aggressionen (oft einzige Möglichkeit Frustrationen und Unzufriedenheit ausdrücken zu können)

Was ist das "Asperger-Syndrom"?
Das Asperger-Syndrom ist eine Form der Autismus-Spektrum-Störung, die oft zunächst keine Entwicklungsverzögerung in der Sprache oder in der geistigen Entwicklung aufweist. Man kann also auf den ersten Blick oft nicht erkennen, dass die Person überhaupt Autismus hat.
So besitzen Menschen mit Asperger-Syndrom eine normale Intelligenz oder in besonderen Bereichen sogar eine sehr hohe Intelligenz. Autismus wird als „Spektrum” dargestellt, da einige Personen stark autistisch sind und andere nur ein bisschen. Die Übergänge sind fließend. Schwierigkeiten zeigen Menschen mit Asperger-Syndrom in folgenden Bereichen:

  • Schwierigkeiten beim Umgang mit anderen Menschen und dabei, Beziehungen aufzubauen
  • oft Schwierigkeiten mit den sozialen Aspekten der Kommunikation
  • verarbeiten Sinnesreize anders, haben intensive (manchmal sehr spezielle) Interessen und eine Abneigung gegenüber Veränderungen.

Die Asperger-Autisten können sich sprachlich gut ausdrücken, haben aber oft Probleme mit ganz normalen Situationen. So kann es vorkommen, dass sie nicht genau wissen, wie sie sich in einer bestimmten Situation verhalten sollen oder wie sie auf bestimmte Personen reagieren können. Das Hauptproblem ist, dass "indirekte" Signale, wie Körpersprache, Gesichtsausdrücke oder bestimmte Floskeln nicht verstanden werden.

Asperger-Autisten können oft die sozialen und emotionalen Aspekte eines Gesprächs nicht verstehen. Es fällt ihnen besonders schwer:

  • Gesichtsausdrücke, Körpersprache und den Tonfall zu interpretieren
  • Gespräche zu beginnen oder zu beenden, angemessene Themen von unangemessenen Themen zu unterscheiden und das Thema zu wechseln
  • komplexe Wörter oder Sätze zu verstehen
  • Witze, Ironie, Metaphern oder Sarkasmus zu verstehen, denn sie verstehen Dinge sehr wörtlich

Menschen mit Asperger-Syndrom interessieren sich oft sehr stark für Themen im technischen oder naturwissenschaftlichen Bereich wie Biologie, Astronomie, Physik, Mathematik oder Informatik. Sie können sich stundenlang mit demselben Thema beschäftigen und lernen dabei alle notwendigen Fakten auswendig.

Was ist "Atypischer Autismus"?
Man geht dann vom atypischen Autismus aus, wenn der Beginn der autistischen Verhaltensweise der Person erst nach dem dritten Lebensjahr aufritt. Bei allen anderen bekannten Formen des Autismus geht man davon aus, dass der Autismus bereits vor dem dritten Lebensjahr in Erscheinung tritt.
Eine andere Möglichkeit der Symptomatik wäre, dass der Betroffene nicht alle Charakteristika von Autismus aufweist, sondern z. B. nur zwei der drei Merkmale.
Der atypische Autismus wird als die Form bezeichnet, die sich nicht in die anderen Formen des Autismus einordnen lässt, aber trotzdem dessen Merkmale vorweisen kann. Manche atypischen Autisten können in ihrem Verhalten also eher dem frühkindlichen Autismus ähneln, andere wiederum eher dem Asperger-Syndrom.

Autismus-Diagnose?
Die Autismus-Spektrum-Störung umfasst den Bereich aller Formen des Autismus. Autistische Menschen sind verschieden und jeder Autist ist auf seine Weise individuell. Das bedeutet, dass auch der Autismus bei jeder Person unterschiedlich ausgeprägt ist. Manche Menschen kommen gut mit dem Autismus zurecht, andere wiederum brauchen Unterstützung im Alltag.

Wichtig ist es zu verstehen, dass die Gesamtheit der Formen von Autismus noch nicht vollständig erforscht ist. Besonders in Deutschland kommt es häufiger zu einer Diagnose, die sich nicht in die drei Formen einteilen lässt. Aus diesem Grund spricht man heutzutage eher von einem Autismus-Spektrum.
Einheitliche Standards wurden durch Diagnosekriterien entwickelt, welche im ICD stehen. Die derzeitige Form der Diagnose in Deutschland ist der ICD-10, bei der versucht wird, das Autismus-Spektrum der Person in die drei Formen der Autismus-Spektrum-Störung einzuordnen.
Da Autismus sich nicht immer klar abgrenzen lässt, wird auch der ICD überarbeitet. Die nächste Version des ICD-11 sieht vor, keine Kategorisierung in verschiedene Formen des Autismus vorzunehmen, sondern nur eine Diagnoseform zu bestimmen, die den gesamten Bereich der Autismus-Spektrum-Störung umfasst.

Ab dem 01. Januar 2022 soll der ICD-11 in Deutschland gültig sein. Wir dürfen also gespannt sein, ob die neue Form der Diagnose eine Verbesserung im Bereich Autismus-Spektrum ermöglicht.
Falls Ihr Euch nicht sicher seid, ob Ihr Autismus habt oder jemanden kennt, der Autismus haben könnte, hilft Euch der Link weiter: https://autismus-kultur.de/autismus/autismus-diagnose-bei-kindern.html

Falls Ihr eine direkte Diagnose im Erwachsenenalter zur Autismus-Spektrum-Störung machen möchtet, wäre es wichtig, zunächst einen Termin in der Uniklinik mit dem ärztlichen Ansprechpartner zu machen: https://psychiatrie-psychotherapie.uk-koeln.de/klinik/ambulante-behandlung/spezialambulanz-autismus/

Quellen:

Informationen

  • Text: Isabelle Jung
  • Foto: Isabelle Jung
  • Datum: 11. Oktober 2020
  • Kategorie: Soziales Bildung