Sprache als Spiegel unserer Realität

Warum ist ein bewusster Umgang mit Sprache so wichtig? Wie finde ich die richtigen Worte? Welche Sprache muss ich beherrschen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen? Sprache bestimmt wer wir sind und wie wir wahrgenommen werden. Sprache sagt viel über einen selber aus. Sprache hat die Macht, Denkweisen zu formen, Meinungen zu bilden und Realität zu konstruieren und zu verändern. Alles Leitsätze, die uns das Potential von Sprache verständlich machen.

Im Unterschied zu der Sprache von Tieren ist die menschliche Sprache begrifflich. Mit Begriffen können wir uns auf Dinge beziehen, die nicht unmittelbar da sind, wie beispielsweise die Vergangenheit und die Zukunft. Wir können in einer Gruppe kooperieren, uns auf Pläne beziehen und uns darüber streiten, was wir gleich machen wollen. Der Weltzugang, den wir Menschen haben, ist sprachlich. Dabei verändert sich Sprache ständig. Mit der Entwicklung neuer Gegenstände und der Entstehung neuer Trends finden stets neue Wörter Eingang in die Sprache. Sprache passt sich also der Realität an. Die Art und Weise wie wir Sprache nutzen, hat wiederum Einfluss auf unsere äußerliche Wahrnehmung und darauf, wie die Realität ist und wie sie sich weiterhin entwickelt.

Die Macht der Wörter
Die Autorin Kübra Gümüsay spricht in ihrem Buch über die Piraha, die am Amazonas wohnen. Ein Volk, das nur wenige Zahlworte und keine Worte für die Vergangenheit kennt. Die Piraha leben ganz im Moment und gelten als eines der glücklichsten Völker weltweit.

Kann es sein, dass ein Volk allein aufgrund eines bestimmten Wortschatzes glücklicher ist als ein anderes? Setzt man sich etwas näher mit Funktion und Wirkung von Sprache auseinander, wird man schnell verstehen: Wörter vermitteln Informationen, erzählen Geschichten, transportieren Emotionen und initiieren Handlungen. Eine Kette von Elementen, die in gegenseitigem Wirken Identitäten schafft, und sowohl mentales als auch körperliches Befinden beeinflussen kann.

Ohne dass wir es merken, formt Sprache unser Denken und die Art und Weise wie wir die Welt wahrnehmen. Sprache hat viel mehr Macht über unser Denken, als uns im Alltag oftmals bewusst ist. Es ist wichtig zu verstehen: Worte sind beim Menschen mit Assoziationen und Gefühlen verknüpft. Deshalb transportieren sie nicht nur Informationen, sondern auch Emotionen.

Framing: Sprache steuert unser Denken
Kategorisierungen und Fremdbezeichnungen durch eine Mehrheit sind entscheidend dafür, wie auf andere geschaut wird. Es entstehen Machtstrukturen, wobei eine Gruppe sich das Privileg aneignet. Vor allem im politischen Diskurs erleben wir den Kampf um Vorherrschaft von Perspektiven sehr häufig. Ein Beispiel ist hier das Wort „Flüchtlingswelle“. Durch die Wortzusammensetzung „Flüchtling“ und „Welle“ nehmen wir eine bestimmte Perspektive ein, in der wir die Flüchtlinge als eine homogene „Naturkatastrophe“ bezeichnen und entziehen ihnen ihre individuelle Leidensgeschichte.

Bei dieser gezielten Sprachnutzung spricht man auch noch von Framing. Hierbei wird eine Botschaft, bei gleichem Inhalt, auf unterschiedliche Weise formuliert, um so ganz gezielt das Verhalten des Empfängers zu beeinflussen. Wörter wie Flüchtlingswelle, Klimawandel, Steueroase usw. bilden einen Frame, einen Deutungsrahmen. Der Rahmen gibt vor, woran wir bei einem Thema denken, wie wir Informationen einordnen. Vor allem die Frames in Medientexten enthalten oftmals Elemente wie die Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, eine moralische Bewertung oder Handlungsempfehlungen.

Framing beruht außerdem auf der Erkenntnis, dass der Mensch mit seinen Sinnen denkt. Er visualisiert Wörter, er hört, schmeckt, riecht sie und assoziiert damit positive und negative Emotionen. Die Tatsache, dass Wörter nicht nur Informationen, sondern auch Emotionen transportieren, machen sich Menschen durch eine gezielte Wortwahl zunutze. So lenken sie die Wahrnehmung, Ansichten und Handlungen anderer. Wer Begriffe gezielt einsetzt, kann also unser Denken beeinflussen, er kann manipulieren, täuschen und beschönigen.

Sprache ist eine Form von sozialem Code
Sprache ist ein Distinktionsmerkmal, ein Mittel, um uns ein bestimmtes Milieu zuzuordnen bzw. ein Mittel, womit wir einem bestimmten Milieu zugeordnet werden können.

Anhand der verbalen und nonverbalen Sprache zeichnet sich eine Rollenzugehörigkeit ab. Ausdruck und Verhaltensmuster verbinden Mitglieder innerhalb einer Gruppe, geben sie einander zu erkennen und setzen sie von anderen Gruppen ab. Dies zeigt sich, oberflächlich betrachtet, in Deutschland beispielsweise an den einzelnen Dialekten der verschiedenen Regionen. Doch nicht nur die äußeren Merkmale der Ausdrucksweise, auch der Inhalt der Worte und Verhaltensmuster geben einen zu erkennen. Über ein bestimmtes Vokabular macht man seine jeweilige Rolle deutlich. Der Ingenieur gebraucht eine gewisse Fachsprache, um von den Kollegen verstanden und anerkannt zu werden. In seiner Rolle als Elternteil ist die Wortwahl sicherlich eine andere.

Damit der Mensch in seiner Rolle bestehen kann, sei es im Beruf, in der Familie oder als politischer Redner, muss er ständig überprüfen, ob seine Art der Kommunikation noch aktuell ist. Allein als Elternteil mit heranwachsenden Kindern ist das Verhalten ständigen Veränderungen unterworfen. Gibt man einem Kleinkind noch einen Klaps auf die Finger, wenn es nach der brennenden Kerze packt, so muss man dem Teenager erklären, warum er nicht mit dem Feuer spielen darf.

Damit ein Wort Geltung behält, muss das Wissen und das notwendige Vokabular stets erweitert werden. Akzeptanz findet man nur, indem die eigene Sprache und Handlung dem eigenen Umfeld angepasst werden. Vor allem über den Austausch mit anderen gelingt es, das eigene Rollenwissen mit dem der anderen zu vergleichen und eventuell seine Rolle und damit seine Identität weiterzuentwickeln.

"Political Correctness" und gendergerechte Sprache

Dass Sprache und Kommunikation die wichtigsten Bestandteile der Sozialisation sind, zeigt sich nicht zuletzt in den Debatten um Political Correctness und der Anwendung einer gendergerechten Sprache. Hat man verstanden wie Sprache funktioniert, fragt man sich doch: Warum gibt es Leute, die diese Debatten verweigern oder auch lautstark dagegen ankämpfen? Fakt ist: Menschen, für die Leben, Lieben und Arbeiten durch identitäre Ausgrenzung täglich zur Qual wird, werden sich ihrer Situation zu Zeiten des 21. Jahrhunderts nicht einfach ergeben, um Menschen zu verschonen, die sich dagegen sträuben, ihre Privilegien zu reflektieren. Und das ist auch gut so. Auf dem Weg zur demokratischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist ein aufklärerisches und bürgerliches Verhalten essenziell. Wir sollten unser Potenzial nicht damit vergeuden, Veränderungen aufzuhalten, sondern Fortschritte weiterzudenken.

Ein Anfang wäre zu verstehen, dass es bei der politischen Korrektheit nicht um einen verbalen Hygienefimmel geht. "Politische Empfindsamkeit" trifft es besser: Achtsam zu sein, sein eigenes Handeln und Sprechen zu reflektieren und zu erweitern, um Altruismus im Alltag wieder etwas mehr Raum zu geben, ist nichts „was unseren Menschenverstand bedroht, sondern dessen sinnvolle Ergänzung“ (zeit.de).

Fazit: Sprache muss beweglich bleiben
In der heutigen Informationsgesellschaft wird die eigene Sprachkompetenz zunehmend wichtiger. Wir brauchen Sprache, um uns im Alltag zurechtzufinden. Um die Dinge in der Welt ordnen zu können, brauchen wir Begriffe.
Sprachkompetenz beinhaltet die Fähigkeit, Sprache in all ihren Facetten zu verstehen und uns so die Welt um uns herum erschließen zu können. Durch Sprachfähigkeit ist es möglich, sich in einem jeweiligen Bezugsrahmen der Situation entsprechend zu äußern. Wer sich mit Sprache auseinandersetzt und regelmäßig an seinem Ausdrucksvermögen feilt, kann auf seinem gesamten Lebensweg davon profitieren.
Als Medium der Kooperation verschafft Sprache den Menschen einen evolutionären Vorteil. Reden bewirkt, dass Denkräume geöffnet werden, dass Dinge selbstverständlich werden, die dann auch einfacher umgesetzt werden können. Sprache muss dabei stets beweglich bleiben. Sprache muss bewusst wahrgenommen und angepasst werden, damit wir der Wirklichkeit, die sich ständig verändert, gerecht werden können.

Quellen:

Informationen

  • Text: Nadine Mettenhoven
  • Foto: Nadine Mettenhoven
  • Datum: 21. Februar 2021
  • Kategorie: Bildung Kultur