Datingserien - Wie sie den Markt dominieren, Empörung hervorrufen und was Farben damit zu tun haben

Dating Serien beherrschen seit geraumer Zeit den Fernsehmarkt. Kaum ein Format erfreut sich einer größeren Beliebtheit als die TV-Singlebörsen “Love Island”, “Der Bachelor “und Konsorten. Zurückzuführen ist das auf eine eindeutige gesellschaftliche Entwicklung. Auch auf Youtube, Instagram und selbst Snapchat erklimmen Clips über ein glückliche Beziehung immer recht schnell die Trendspitzen.

Hinweise auf Stereotype fördernde Oberflächlichkeiten und womöglich verletzende Inhalte für Zuschauer/innen mit geringen Selbstwertgefühl werden von den Produzenten beherzt ignoriert.  Selbstwertgefühl werden von den Produzenten beherzt ignoriert. Wie kann man den Durst nach Dating Serien unter Vermeidung des Mottos “Sex sells” und kursierender Schönheitsidealen stillen? Warum ist “Love Island” Produkt einer nicht zu Ende gedachten Ideologie und ein Rückschlag für die Diversität der Fernsehlandschaft? Und wie VOX mit seiner Alternative dem gefährlichen Trend die Stirn bietet, werde ich folgend erläutern.

Vor kurzer Zeit lief “Love Island” wieder jeden Tag auf RTL II. Falls Ihr jene Sendung nun verwechselt mit “Paradise Island”, “Temptation Island” oder “Paradise Hotel”, seid nicht aufgebracht. Die Ähnlichkeit der Serien ist so gravierend wie bezeichnend. Das Konzept lautet meistens wie folgt:
Mehrere Singles werden in einem dekadenten Anwesen auf einer sommerlichen Insel untergebracht und sollen sich dort in eine/n der anderen Teilnehmer/innen verlieben. Dabei werden sie fast den ganzen Tag und aus sämtlichen Blickwinkeln gefilmt. Soweit, so gut.

Die Redaktion von “Love Island” legt unverkennbar großen Wert darauf, dass die Teilnehmer/innen den gängigen europäischen Schönheitsidealen entsprechen. Was dabei rauskommt ist ein Einheitsbrei an Singles, deren Lifestyle sich übergreifend gleicht. Die oberflächlichen Ansichten der handelnden Personen sind dadurch beinahe gerechtfertigt. Fitness, Tattoos, Ernährung und viel Geld verdienen gehören zu den Interessen eines fast jeden “Love Island”-Stars. Verwerflich ist daran zunächst nicht viel. Das Problem erschließt sich erst nach einer Weile. Schaut man sich die Männer unter den Akteuren an, finden sich darunter äußerst selten Menschen mit erkennbaren äußerlichen Makeln.

Letztendlich werden ausschließlich muskulöse und große Männer vom Casting akquiriert. Bei den Frauen ist das Phänomen gleichermaßen erheblich. Schlanksein, lange Haare, Schönheitsoperationen sowie regelmäßiges Schminken sind offenbar obligatorisch. Es gerät aus dem Augenschein, dass in unserer Bevölkerung viele Menschen vergeblich nach den Idealen streben, die die Serie vorgibt.Dass es Frauen geben könnte, deren Selbstbewusstsein einen gigantischen Schaden von einer daraus folgenden Erwartungshaltung tragen werden, scheint man in Kauf zu nehmen.

Dabei wird eine Debatte über gerade dieses Thema schon seit Längerem geführt. “Germanys next Topmodel” wird von Vielen boykottiert, da auch in der ProSieben-Serie Schönheit scheinbar über Wohlbefinden geht und Kandidaten mit deutlichen Beautymängeln seltenst gecastet werden. Den Herren der Schöpfung wird wieder mal eins vor die Nase gehalten: “Reich sein ist sexy”. Die finanzielle Unterschicht Deutschlands wird sich an diesem Mantra wohl wenig erfreuen können. “Friede, Freude, Eierkuchen” wird der Zuschauerschaft folgenweise als vorgekautes Fastfood der Unterhaltungsbranche serviert. Die Serie wirft uns zurück. Männlichkeit und Weiblichkeit werden in ihrer ausschließlich altertümlichen Variante präsentiert und indirekt auch nur dann gut geheißt, wenn sie nicht aus der Norm fallen. Ein Rückschlag für alles, was wir in Sachen Toleranz in der Vergangenheit als Gemeinschaft erreicht haben.

Ein medienpsychologisches Spektakel

Abseits der Kritik möchte auf einen Sachverhalt eingehen, der der klassischen Zuschauerschaft in der Regel nicht auffallen würde. Zugegebenermaßen ist es eine Kleinigkeit, die jedoch meiner Meinung nach einen enormen Effekt erzielt und auf simpelste Art und Weise aufzeigt, dass hinter der Sendung ein billiges Konzept steckt, das Menschen ohne fortgeschrittene Ansprüche an die Unterhaltung befriedigen soll.

Betrachtet man die Farbauswahl im Szenenbild und der Requisite, fällt auf, dass das Team sich für eine knallig bunte Selektion an Farbtönen entschieden hat, die das Bild dominieren sollen. Besonders markant sind die ‘Kuscheldecken', die in prallen, glänzend-pinken oder neon-grünen Farben die Aufmerksamkeit der Zuschauer/innen ergreifen. Das sogenannte Colorgrading (in der Postproduktion ein Prozess, in dem Farben korrigiert/verbessert werden) reduziert die Anzahl sämtlicher Pastelltöne und lässt sie stattdessen gesättigt also hoch saturiert erscheinen. Viel hilft viel, ist das Motto. Diese Vorstellung ist auch nicht ganz falsch. Manche Filmemacher haben so schon einzigartige Meisterwerke erschaffen. “The Florida Project" beispielsweise ist ein prämierter Kinofilm, der ein ähnliches Colorgrading verwendet. Der Unterschied zu “Love Island” ist, dass der Film einen erkennbaren künstlerischen Anspruch hat. Die RTL-Serie erweckt den Eindruck, als würde man versuchen, die ungeteilte Aufmerksamkeit der Zuschauer/innen auf sich zu ziehen.

Wie man es richtig macht


VOX gehört spätestens seit dem außerordentlichen Erfolg von Shopping Queen zu den großen Fischen unter den Fernsehsendern. Der Sender ist ebenso Teil der RTL Group, sticht aber immer wieder durch kreative und qualitativ hochwertige Sendungen hervor. First Dates ist die Dating Serie, die unter der Woche jeden Tag auf VOX eine Stunde lang zu sehen ist. Die Unterschiede zu den RTL II-Pendants könnten nicht massiver sein. Und siehe da: Die Farbpalette ist eine völlig andere. Pastelltöne, edles, hölzernes Braun und viel Cremeweiss neben einem typischen, noblem Bordeauxrot prägen das Set und die Farbauswahl im Marketing. Selbstverständlich ist nicht allein das der Grund dafür, dass die Serie so erfolgreich ist, sondern das ausgeklügelte Konzept. Ein eindeutiges visuelles Indiz für die Professionalität eines Fernsehformats dafür allemal.

Zur Idee. Jeder, der sich bewirbt, hat eine Chance eingeladen zu werden. Egal welche Sexualität, welches Geschlecht, Einkommen, Aussehen und welcher Charakter. Wenn die Redaktion zwei Bewerber findet die gut zueinander passen, kommt es zum Treffen. Ein Rendez-vous bei First Dates läuft folgendermaßen ab: Ein charismatisches Team empfängt die Singles in Köln im “First Dates”-Lokal. An der Bar begrüßen sich die Teilnehmer, lernen sich kennen und werden daraufhin zu Tisch geführt. Dort können sie sich beim Essen weiter unterhalten. Am Ende des Dates werden beide gefragt, ob es ein zweites Treffen geben wird. Die Authentizität der Serie ist bei jedem Wort und jeder Bewegung der Singles zu spüren. Die Unperfektheit aller Beteiligten, peinliche Momente und die Vielfalt an Menschen, mit denen die Zuschauerschaft sich identifizieren kann, bringen “First Dates” einen Vorteil gegenüber dem Trash TV.

Selbstverständlich weiß ich, dass meine scharfen Worte zu “Love Island” von einer gewaltigen Subjektivität überschattet werden. Die Serie erfreut offenbar doch einer großen Menge an Zuschauer/innen, die möglicherweise einfach nur entspannt ihren Abend genießen wollen. Und das ist auch gut so. Was wäre auch das Fernsehprogramm ohne Vielfalt.

Quelle:

Informationen

  • Text: Felix Bender
  • Foto: Felix Bender
  • Datum: 27. Mai 2021
  • Kategorie: Kultur