Dialekte und der Rap - unvereinbar?

Auch wenn Dialekte im deutschen Rap nicht ausdrücklich verpönt sind, sind sie doch selten zu finden. Da ein gewisser Lokalpatriotismus im Hip-Hop schon immer einen großen Stellenwert hatte, wäre es eigentlich naheliegend, dass Rapperinnen und Rapper sich dem Dialekt ihrer Heimat in ihren Texten bedienen. Doch die rheinische Mundart ist im Mainstream-Deutschrap noch nicht angekommen. Und auch alle anderen deutschen Dialekte nehmen keinen bedeutenden Einfluss auf die urbane Musikwelt. Was in den USA gängige Praxis ist, wird in Deutschland konsequent vermieden. Häufiger kommen andere Abwandlungen der Standardsprache vor, wie südosteuropäische Akzente und die Jugendsprache. Objektiv gesehen ist Hochdeutsch damit kein obligatorischer Bestandteil eines Raptextes. Also warum halten Dialekte keinen Einzug in das sogenannte Rapgame?

Hip-Hop ist modern. Der musikalische Zweig dieser ursprünglich amerikanischen Kulturströmung ist, auch wegen der jungen Geschichte der Stilrichtung, eher progressiv geprägt. Nostalgie ist zwar ein unentbehrliches Element im Rap, reicht aber meistens nur bis zur Entstehung des Genres in den 70ern zurück. Tradition, Zunft, Sitte und Brauch fallen aus dem Raster. Grund dafür ist sicher mitunter die Vorstellung, dass die eigene Reichweite beeinträchtigt werden könnte, wenn das Gesungene nur von einer Minderheit verstanden wird. Aber da Dialekte fließende Übergänge in ihrer Ausprägung haben, wäre es unproblematisch die Lyrics verständlich, aber dennoch erkennbar mundartlich zu gestalten. Weil das aber ebenso im Deutschrap kaum passiert, muss die Ursache woanders liegen.

Die sogenannte “Streetcredibility” beschreibt die Glaubwürdigkeit von Hip-Hop-Kunstschaffenden auf der Straße. Sie ist es, was Rapperinnen und Rapper zu dem macht, was sie sind. Es ist zu vermuten, dass eben diese Kredibilität durch ein Bekenntnis zur lokalen Tradition gefährdet wird. Ein Dialekt ist schlicht und ergreifend uncool.

In satirischen oder ironischen Kontexten wurde in Deutschland schon oft im Dialekt gerappt. Ein prima Mittel um die eigene Gegend oder sich selbst zu parodieren. Der aufrichtige Gebrauch regionaler Redensart im urbanen Kosmos ist erst im Kommen.

In Bayern ist 2020 ein Rapper viral gegangen, der mit besonderem Erfolg authentische und zeitgenössische Trapsongs veröffentlicht. Auch das Berlinerische findet sich immer häufiger in Texten der Berliner-Wave, eine besonders junge und frische musikalische Bewegung aus der Hauptstadt. Und auch im Rheinland gibt es erste Ansätze. Kölsche Einwürfe in den Liedern der Rapper Lugatti und 9ine aus Sürth bringen frischen Wind in die Szene. Die beiden Künstler bekennen sich regelmäßig zu ihrer Heimat und dem Karneval. Einer ihrer Titel trägt sogar den Namen “Et kuett wie et kuett”. Ein experimenteller Rapsong mit hochaktuellen Sounds.

Man bekommt das Gefühl, dass Dialekte langsam aber sicher im Hip-Hop salonfähig werden. Letztendlich wird sich die Straße entscheiden, doch die Zeichen stehen gut, dass unsere sprachliche Tradition im Deutschrap einen Platz haben wird.

Quelle:

Informationen

  • Text: Felix Bender
  • Foto: Felix Bender
  • Datum: 25. Dezember 2021
  • Kategorie: Kultur Kommentar