Ein Denkanstoß, um unsere Gedankengänge nachzuvollziehen

In Situationen wie zum Beispiel beim Warten auf den Bus oder während eines langen Spazierganges versinkt man schon mal in Gedanken. Ich wage es schon häufig zu nennen, dass ein immer ausführlicher werdender Gedankengang uns einnimmt. Aber wie spielt sich dieses gedankliche Abscheifen ab? Ich gebe zu, es stellt eine recht große Herausforderung dar, zu untersuchen wie wir täglich denken und es gibt keinerlei Beweise oder Belege dafür, wie genau gedacht wird.

Steven Pinker äußerte einst seine Theorie dazu: Gedacht wird in einer Gedankensprache, welche er Mentalesich taufte. Es sei nahezu unmöglich, das große Rätsel der Gedanken zu lösen, indem man sich einerseits der großen Frage nicht nähert oder gar aus dem Weg geht oder aber andererseits behauptet, man würde in seiner jeweiligen gesprochenen Sprache, wie zum Beispiel Deutsch, Englisch oder Französisch denken.

Vielmehr sollte man sich bei diesen Thesen fragen, wie es denn dann möglich wäre, in Emotionen, Bildern oder womöglich auch Melodien zu denken. Pinkers Annahme, wir denken mithilfe einer Gedankensprache, scheint nun nicht mehr so obszön wie man es sich vorstellen mag. Doch schauen wir einmal genauer auf Mentalesich. Dies stellt laut Steven Pinker eine Gedankensprache dar, welche einfach, aber dennoch ausführlich zu sein scheint. Um dies zu veranschaulichen, stellen wir uns folgendes Szenario vor:

Ein Geburtstag steht an und du hast vor, einen wunderschönen, prachtvollen Kuchen zu backen. Während du in Gedanken versinkst und im Kopf, ob in Bildern, Sprache oder ähnlichem, durchgehst, wie genau das gute Stück letztendlich werden soll, spricht dich eine Person an und fragt, wie denn der Kuchen werden soll. Prompt wird nun also eine Antwort verlangt, doch für all deine gedachten Ideen für diesen Kuchen in wenigen Augenblicken Worte zu finden ist gar unmöglich. Dies würde schon mal beweisen, dass die Gedankensprache ausführlicher und einfacher als die gesprochene Sprache ist. Aber nun zurück zur Vorstellung: Da nicht jedes kleinste Detail auf die schnelle in Worte gekleidet werden kann, beginnst du, Bruchstücke deiner Gedanken in Wortketten zu setzten und teilst diese mit. Diese einzelnen Sätze oder Wortketten, wie Pinker sie nannte, reichen jedoch nicht aus, all das Gedachte mitzuteilen. Also gehen wir automatisch davon aus, dass der Rest von unserem Gegenüber erschlossen wird und unsere Vorstellung vom perfekten Geburtstagskuchen erfolgreich vermittelt wurde.

Wir sehen also, Freies Denken ist ein viel größeres Rätsel, auf das es kaum Antworten gibt, da jeder anders zu denken vermag. Dennoch teilen wir alle die gleiche Fähigkeit, uns durch Gedanken eine Auszeit zu nehmen und dem Alltag zu entfliehen, und das können wir alle oftmals gut gebrauchen.

Dieser Denkanstoß soll eine neue Perspektive dazu eröffnen, wie wir allein durch das Abschweifen in Gedanken eine kurze Pause von der Realität machen können, ohne von Gewohnheiten wie zum Beispiel der immer gesprochenen Sprache naheu verfolgt zu werden.

Eines steht jedoch fest: All unsere Gedanken gehören allein uns, denn nur wir können entscheiden, wie viel wir von unserem Gedachten in Worte kleiden und mitteilen.

Quelle: Steven Pinker: Der Sprachinstinkt (Sprache, Denken, Wirklichkeit)

Informationen

  • Text: Joana Kolonko
  • Foto: Joana Kolonko
  • Datum: 13. Juni 2022
  • Kategorie: Kommentar