Ein Gespräch mit Rolf Emmerich, dem Intendanten des Sommerblut-Kulturfestivals

Das Kölner Kulturfestival Sommerblut ist ein zentrales Festival der inklusiven Kulturszene. Hier wird mit queeren Menschen, Menschen mit Behinderung oder Demenz, Flüchtlingen und sozial Benachteiligten gearbeitet. Ich habe Rolf Emmerich gefragt, was ihn antreibt…

…und erfahren, dass er selbst aus einem schwierigen Elternhaus kommt, die Eltern geschieden, die Mutter und der Bruder psychisch krank. So habe er von Kindheit an Anderssein er- und gelebt. Aufgrund dieses Hintergrunds kommt es ihm sehr darauf an, Perspektiven zu eröffnen, Menschen zusammenzubringen. Als sehr politischer Mensch stehe er wirklich hinter den Themen.

Es käme ihm darauf an, nicht einfach etwas nur zur Aufführung zu bringen, sondern Impulse in die Gesellschaft hinein zu geben. Die Frage danach, was eine gelungene Inklusion sei, lasse sich nicht einfach beantworten. Es sei ein Prozess. Und hier kommt er erst einmal, wie so Viele, auf technische Hilfsmittel (z. B. Informationen in Gebärdensprache oder leichter Sprache für Künstler:innen und Publikum) und auf die Inklusionsbeauftragte des Festivals zu sprechen. Dann äußert er sich doch zur Gesellschaft: Verglichen damit, wo man vor zehn, zwanzig Jahren gewesen sei, erst recht verglichen mit den 1950er bis 1970er Jahren, habe man Quantensprünge gemacht. »Wenn unsere Gesellschaft insgesamt so weit ist, dass wir nicht mehr darüber nachdenken müssen, ob es normal ist, einen gehörlosen Schauspieler in der Produktion zu haben oder ob es normal ist, mit der U-Bahn von A nach B zu kommen, als Rollstuhlfahrer [es gibt immer noch U-Bahn-Stationen ohne jeden Aufzug und Rolltreppen lassen sich für elektrische Rollstühle nicht benutzen], wenn diese Prozesse sich verselbstständigen und in eine Normalität kommen, dann nähern wir uns [der Inklusion].«. So spricht Rolf Emmerich nicht nur davon, Räume zugänglich zu machen, sondern auch davon, Berufsausbildung und Berufsausübung für Menschen mit Behinderung zu gewährleisten.

Ich frage, ob er etwas mit dem Festival bewirkt oder ob das Ganze als exotisch-utopische Blase wahrgenommen wird, die nichts mit der Gesellschaft zu tun habe. Natürlich gäbe es immer Menschen, die sagen: »Was macht der da?!« und: »Das bringt doch sowieso nichts!« , aber das sei nicht ihr Ansatz, sie geben die gesellschaftlichen Impulse. Doch, natürlich bewirkten sie etwas. Er habe z. B. zehn Jahre dafür gekämpft, dass das Festival im Schauspiel Köln mit einem inklusiven Tanzgastspiel eröffnet wird. Das sei ihm dieses Jahr gelungen, nächstes Jahr seien sie wieder dort. Er sei jemand, der versuche, keine Probleme zu haben, sondern Lösungen zu finden, in alle Richtungen, ob das jetzt das Thema »Barrierefreiheit« für einen Rollstuhlfahrer sei oder ob es darum ginge, einen Künstler mit einer sogenannten »Behinderung« in ein Theaterprojekt einzubinden: »Ich muss immer einen Weg finden, dass dies möglich ist. Und es ist meistens möglich! Wenn es einmal nicht möglich sein sollte, sage ich mir: ,Okay, ich habe alles versucht. Es geht im Moment nicht!‘ und warte den nächsten Schritt ab. Auf jeden Fall hat sich viel verändert und es bewegt sich ganz schön viel!«.

Die Fragen danach, ob es beabsichtigt ist, durch die Thematisierung von Tabuthemen wie »Behinderung und Sexualität« oder »Queersein« vorurteils- und ideologiegeleitete Wahrnehmungsmuster aufzubrechen und nach der Langzeitwirkung von Projekten werden bejaht. Es ginge allerdings nicht darum, mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Gegend zu gehen und den Leuten zu zeigen, wie »Behinderung« oder »Queersein« zu sein habe. Es ginge vielmehr darum, Perspektiven zu eröffnen.

Im Festival war beispielsweise mal ein Stück über die Erfahrungen von Behinderten in der Pandemie. Natürlich würden da Sichtweisen übertragen sich da Sichtweisen und es verändere sich das Bewusstsein, wenn die Leute dies reflektierten! In diesem Jahr gab es das Projekt Queertopolis in einer Schwulensauna. Dort hat ein Team, das hauptsächlich aus jungen Frauen bestand und sich über ein halbes Jahr mit Queerness auseinandergesetzt hat, ein Kulturprogramm veranstaltet. Diese Gruppe existiert weiterhin unter dem Namen Queertopolis und thematisiert Queerness auf verschiedenen Ebenen – sei es kulturell, als Party oder als politische Veranstaltung.

Ein gutes Beispiel für die Langzeitwirkung von Projekten sei MYDENTITY, ein Projekt, dass sie 2016 mit transidenten Menschen gemacht haben. Das war, von Seiten der transidenten Menschen alles sehr angstbesetzt, aber es hatte ein herausragendes Ergebnis und danach sei ein transidenter Mensch mit einer Bürgermeisterin von Köln durch die Krankenhäuser gegangen und habe das Thema »Operationen« angesprochen. Viele Projekte im transidenten Bereich, auf verschiedenen Ebenen – gesellschaftlich, politisch oder kulturell – hätten sich aus diesem Projekt entwickelt. »Das muss ich sagen: Es wirkt!«.

Rolf Emmerich ist über das Festival Sommerblut hinaus engagiert. Er hat im November 2016 den Runden Tisch für inklusive Kultur gegründet, der zum Ziel hat, Kulturinstitutionen Kölns und der Umgebung zusammenzubringen, um gemeinsam Strategien zu entwickeln, die darauf hinwirken sollen, Kulturschaffende mit Behinderung in der Kulturszene eine Partizipation, eine Ausbildung zu ermöglichen und sie sichtbar(er) zu machen.

Quelle: Interview mit Rolf Emmerich im Festivalbüro von Sommerblut vom 25.08.2022

Informationen

  • Text: Bernd König
  • Foto: Bernd König
  • Datum: 24. September 2022
  • Kategorie: Stadt Kultur